Themen der Nachhaltigkeit betreffen Schüler*innen unmittelbar und können viele Emotionen auslösen. Die Palette reicht von Ängsten, Schuldgefühlen, Ärger bis hin zu Begeisterung, wenn Kinder sich zum Beispiel in Organisationen engagieren. Verschiedene Studien zeigen, dass Lehrkräfte häufig Emotionen speziell im Kontext der Klimakrise nur unzureichend thematisieren, und versuchen, gerade unangenehmen Emotionen auszublenden. Emotionen sollten aber einen Platz in der Schule und in der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE) haben. Schüler*innen sollte die Möglichkeit gegeben werden, Emotionen zur verarbeiten und zu reflektieren. Nur so bleiben sie handlungsfähig.
Umgang mit Emotionen im Schulalltag – Was prägt das Handeln der Lehrkräfte?
In einer qualitativen Studie wurde untersucht, wie Lehrkräfte mit Emotionen im Unterricht umgehen und welche Bedingungen ihr Handeln beeinflusst. Es wurden sechs Lehrpersonen unterschiedlicher Schularten, Fächer und Berufserfahrung befragt. Alle Befragten hatten bereits zur Leitperspektive BNE unterrichtet. Die Untersuchung fokussiert darauf, das Handeln der Lehrkräfte besser zu verstehen, unterschiedliche Auffassungen von Emotionen zu identifizieren und übergreifende Strukturen sowie Überzeugungen herauszuarbeiten, die den Umgang mit Emotionen prägen.
Fachliche Einbettung: In weniger BNE-affinen Fächern können mit nachhaltigkeitsrelevanten Themen viele Emotionen geweckt werden. Da der fachliche Fokus des Faches aber oft ganz anders gelagert ist, werden die aufkommenden Gefühle dann manchmal „wegrationalisiert“ und ein konstruktiver Umgang mit ihnen seltener praktiziert.
Beziehungsgestaltung: Werden Emotionen Teil des Unterrichts, hat dies auch Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden. Einige weisen diese Beziehungen zurück („Ich bin nicht die Vertrauensperson“), andere legen starken Wert auf die Beziehungsgestaltung, um überhaupt das Aufkommen von Emotionen zu ermöglichen.
Reflexion der eigenen Position: Der Umgang mit eigenen Emotionen und die eigene Haltung zu Nachhaltigkeitsthemen prägt das Handeln der Lehrkräfte. Empfinden sie selbst starke Emotionen, ist ihre Lehrtätigkeit auch davon geprägt. Andere Lehrkräfte sehen die BNE-Themen ganz rational und unterbinden aktiv die Diskussion von Emotionen.
Zeitdruck: Die Stofffülle und die hohe Taktung der Unterrichtsstunden lässt wenig Raum, um Emotionen von Lernenden und Lehrkräfte zu thematisieren.
Politische Dimension: Alle Lehrkräfte sprechen explizit oder implizit den BNE-Themen eine politische Dimension zu und verweisen auf den „Beutelsbacher Konsens“. Manche Lehrkräfte wollen daher möglichst neutral sein und keine eigenen Emotionen zulassen, wohingegen andere ihre eigenen Emotionen in den Unterricht einbringen und auf die Emotionen der Lernenden eingehen wollen.
Vorbildrolle: Durchgehend wird von den Lehrkräften ihre Rolle als gute oder schlechte Vorbilder thematisiert, auch im Bereich Nachhaltigkeit. Die Lehrkräfte fühlen sich dabei durchaus unter Beobachtung, auch in ihrem privaten Lebenswandel. Manche empfinden das als Hindernis im Unterricht.
Unterricht mit ungewohnt persönlicher Note
In den Interviews zeigt sich, dass Lehrkräfte bei BNE-Themen anders als bei anderen Fachthemen immer auch selbst als „Betroffene“ agieren. Daher prägen ihre eigene Emotionalität und ihre eigenen Strategien im Umgang mit diesen Emotionen auch sehr, wie sie den Unterricht gestalten. Dadurch rücken sie als Person mehr in den Fokus, so dass die Anforderungen an die Professionalität steigen. Der Umgang damit ist ungewohnt und es besteht durchaus der Bedarf nach Fortbildungen und kollegialem Austausch. Ein weiterer zentraler Punkt ist die politische Kontroversität der Themen, mit der die Lehrkräfte unterschiedlich umgehen. Anders als einige Lehrkräfte es interpretieren, dürfen sie sehr wohl eigene Emotionalität zeigen und ihre Meinung äußern, so lange es den Lernenden überlassen bleibt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Auch hier würden Fortbildungen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen und den fachlichen Möglichkeiten bei der Darstellung von kontroversen Themen helfen – gerade auch für Lehrkräfte, die dies (anders z. B. als Politik- oder Ethiklehrkräfte) nicht ohnehin im Rahmen ihrer Ausbildung erfahren haben.
Die Schulstrukturen erschweren das Thematisieren von Emotionen. Der empfundene Zeitdruck, die Ausrichtung an fachlich-methodischer Bildung und die wahrgenommene Forderung nach politischer Neutralität lässt wenig Raum für Emotionen. Es ist aber wichtig, dass wir die Lernende in der Schule nicht mit den Emotionen allein lassen. Die gemeinsame Bewältigung dieser Emotionen, die im Kontext der Klimakrise oft von Angst geprägt sind, ist eine wichtige Aufgabe von BNE. Nur so können wir gewährleisten, dass die Schüler*innen handlungsfähig bleiben und den gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können. Die große Variabilität in der Art, wie Lehrkräfte ihre Rolle ausfüllen, zeigt, dass im gleichen System sehr unterschiedliche Verhaltensweisen möglich sind. Eine gezielte Professionalisierung der Lehrkräfte in Bezug auf Emotionale Kompetenzen generell und speziell im Kontext von BNE wäre hier hilfreich, ebenso wie ganzheitliche Schulentwicklungskonzepte.
Empfehlungen zum Umgang mit Emotionen im Kontext von BNE (nach Peter und Kantrowitsch, 2021)
• Seien Sie sich bewusst darüber, dass Nachhaltigkeitsthemen auch unangenehme Emotionen wecken, die im Unterricht aufgegriffen werden sollten.
• Reflektieren Sie Ihre eigenen Emotionen zu Nachhaltigkeitsthemen.
• Ermöglichen Sie Lernenden auch bei bedrohlichen Themen Vertrauen zu entwickeln, dass die Bedrohungen (individuell und gemeinschaftlich) angegangen werden können.
• Geben Sie Lernenden die Gelegenheit, ihre emotionalen Kompetenzen zu stärken, nicht nur im Kontext von BNE – so sind sie auch besser in der Lage mit den bedrohlichen Informationen in diesem Bereich umzugehen.
• Lernende sollten Techniken erlernen, mit zu starken Emotionen zurechtzukommen und Gemeinschaft als Rückhalt zu erleben.
Zum Weiterlesen
Peter, F. & Kantrowitsch, V. (2021). Psychologische Grundlagen schulischer Nachhaltigkeitsbildung. Menschenbilder, psychische Mechanismen und Schulen als Resilienz-Zentren. Handbuch der Schulberatung, 9/2021, 1–32.
Wegner, E. & Schwarz., M. (2024, im Druck). Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule – mit Kopf und Hand, aber ohne Herz? Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie mit Lehrkräften. Zeitschrift Umweltpsychologie.