Machen die Einstellungen der Lehrkräfte den Unterschied?

Von Christian Hörsch

Lehrkräfte sind zentral für den Lernerfolg

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist in deutschen Schulcurricula fest verankert und in Baden-Württemberg sogar als Leitperspektive im Bildungsplan formuliert. Die Lehrkräfte und die von ihnen initiierten Unterrichtsprozesse sind zentral für den Lernerfolg, auch im Bereich BNE. Bislang ist jedoch wenig darüber bekannt, wie Lehrkräfte BNE in ihrem Unterricht umsetzen und unter welchen Bedingungen sich nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen von Schüler*innen besonders gut entwickeln. Hier setzt das Projekt „BNE im Unterricht – Gelingensbedingungen für die Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenz“ (BUGEN) an. Es wurden Veränderungen der Nachhaltigkeitskompetenz bei Schüler*innen innerhalb eines Schuljahres gemessen und untersucht, welche Eigenschaften von Lernenden und Lehrpersonen mit einer positiven Entwicklung dieser Kompetenz in Zusammenhang stehen.

Abbildung 1: Relevanz von Querschnittsthemen im eigenen Unterricht

BUGEN-Studie

Zu Beginn und zum Ende des Schuljahres 2018/19 wurden 1318 baden-württembergische Schüler*innen aus 79 Schulklassen (Klassenstufen 5 bis 8) sowie 113 Lehrkräfte befragt. Die Befragungen wurden an zehn zufällig ausgewählten Schulen (eine Haupt-/Werkrealschule, zwei Realschulen, drei Gemeinschaftsschulen und vier Gymnasien) durchgeführt. Mit einem Fragebogen wurde das Nachhaltigkeitswissen, nachhaltigkeitsbezogene Einstellungen und Verhaltensweisen der Lernenden erhoben. Diese drei Aspekte des Fragebogens bilden die Nachhaltigkeitskompetenz der Schüler*innen ab. Die Lehrkräfte wurden im Rahmen einer Onlinebefragung unter anderem zu ihren nachhaltigkeitsbezogenen Einstellungen, dem Stellenwert von BNE und ihrer Selbstwirksamkeitserwartung befragt (Abb. 2).

Abbildung 2: Aspekte der Fragebögen mit Beispielthemen

Nachhaltigkeitswissen der Lernenden steigt

Bei den Schüler*innen ist das Nachhaltigkeitswissen im Verlauf eines Schuljahres signifikant angestiegen und die höheren Klassenstufen erreichen erwartungsgemäß ein höheres Wissensniveau. Im Bereich der nachhaltigkeitsbezogenen Einstellungen und Verhaltensweisen verhält es sich konträr: Diese Werte fielen zum Schuljahresende geringer aus als zu Beginn des Schuljahres und sind in höheren Klassenstufen schlechter als in den jüngeren Jahrgangsstufen.

Der Gesamtmittelwert im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein fiel bei den Lehrkräften mit einem Mittelwert von 4,23 (Wert 5 bei maximaler Zustimmung) sehr hoch aus. Auch der persönliche Stellenwert der BNE ist bei den Lehrkräften hoch: Sie wurden dazu aufgefordert, neun Querschnittsthemen (BNE, Sprachbildung, Umweltbildung, Digitalisierung, Kulturelle Bildung, Migration, MINT-Bildung, Inklusion, Gender Mainstreaming) nach ihrer Relevanz im eigenen Unterricht zu sortieren. BNE und Umweltbildung lagen dabei knapp hinter der Sprachbildung und zählten somit in der Einschätzung der Lehrkräfte zu den relevantesten Querschnittsthemen (Abb. 1).

Die Tabelle 1 zeigt, welche Eigenschaften von Lehrkräften in einem signifikanten Zusammenhang mit der erreichten Nachhaltigkeitskompetenz der Schüler*innen stehen.  Es handelt sich um Merkmale der Lehrkräfte, die zu einer günstigeren (Plus) oder eher ungünstigeren (Minus) Entwicklung der Nachhaltigkeitskompetenz von Schüler*innen im Schuljahresverlauf beitragen.

Ein hoher Stellenwert von BNE bei den Lehrkräften geht auch mit einem hohen  Nachhaltigkeitswissen der Lernenden einher. Dieser hohe Stellenwert und auch die nachhaltigkeitsbezogenen Einstellungen der Lehrkräfte wirken sich aber scheinbar negtaiv auf die Einstellungen bzw. das Verhalten der Schüler*innen aus. Positive Auswirkungen auf ihr Verhalten hat die Selbstwirksamkeitserwartung der Lehrkräfte in Bezug auf BNE.

BNE darf nicht zur Indoktrination werden

Lehrkräfte, die ein sehr hohes Umweltbewusstsein haben oder BNE persönlich einen sehr hohen Stellenwert einräumen, weniger Erfolg in der Vermittlung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen: Ihre Schüler*innen wiesen eine ungünstigere Entwicklung bei den Einstellungen und dem Verhalten auf.

Es wäre falsch zu schlussfolgern, dass eine hohe Einstellung zu Nachhaltigkeit und BNE nicht notwendig und wünschenswert für eine Lehrkraft wäre, die erfolgreich BNE unterrichten möchte. Aber es könnte sein, dass Lehrkräfte mit besonders hohen persönlichen Einstellungen zu stark auf die Lernenden einwirken und so eine Art Reaktanz bei Schüler*innen hervorrufen. BNE darf nicht zur Indoktrination werden, sondern sollte Kontroversen zulassen und sich auch kritisch mit der Komplexität, der Unsicherheit und den Widersprüchen von nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzen. Bereits in anderen Studien wurde nachgewiesen, dass ein pluralistischer Zugang, also die Diskussion vielfältiger Sichtweisen anstatt der Präsentation einer richtigen Meinung im Kontext nachhaltiger Entwicklung, einen positiven Effekt auf das Verhalten der Lernenden hat. Nicht die eine Lehrmeinung durchsetzen zu müssen, kann auch entlastend für Lehrkräfte wirken und sich positiv auf ihre Selbstwirksamkeitserwartung auswirken, dem – nach unserer Studie – einzigen positiven Prädiktor bei Lehrkräften für das Verhalten von Schüler*innen.

Tabelle 1: Zusammenhang zwischen Eigenschaften von Lehrkräften und Nachhaltigkeitskompetenz der Schüler*innen

Zum Weiterlesen

Hörsch, C., Scharenberg, K., Waltner, E. & Rieß W. (2023). Wie gelingt Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in der Schule?: Eine empirische Studie zur Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen und zur Rolle der Lehrkraft. DDS – Die Deutsche Schule, 115(2), 105-116.

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