Aufgabe: Zeichne, wie du dir die Zukunft in 20 Jahren vorstellst. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Beschreibe deine Zeichnung anschließend in drei Sätzen.
Es steht unter Wasser.
Denn die Antarktis schmilzt.
Sie interessieren sich nicht mehr für die Umwelt.
Was 13- bis 15-Jährige auf diese Aufgabenstellung hin entwerfen, sind keine einheitlichen Zukunftsbilder, sondern eindrückliche Szenen zwischen Hoffnung, Bedrohung und gesellschaftlicher Kritik. Ein Wald steht in Flammen. Ein Feuerwehrmann hält den Löschschlauch fest in der Hand, sein Kollege sitzt im Wagen. Daneben eine zweite, fast surreale Szene: Eine Person ruft „OMG!“, ein Celebrity grüßt zurück, während hinter ihm die Flammen lodern. Darunter steht: „Waldbrand, Feuerwehr, Wasser.“
Ein anderes Bild entwirft das Gegenteil: Nadelwald, zwei Häuser, drei Menschen mit erhobenen Armen, eine große Sonne am Himmel. Über der Szene fliegt ein Hubschrauber, der Bomben abwirft – doch Bomben und Beschriftung sind rot durchgestrichen. Der Kommentar dazu lautet: „Viel Natur (Wald + so), Freiheit der Menschen, Frohe Menschen, kein Krieg.“
Und dann wieder eine Zukunft, die von Zerstörung erzählt: hohe Wolkenkratzer, Abgase, Menschen an Bildschirmen, daneben ein Fahrzeug, das Bäume fällt. Darunter steht: „Es gibt fast nur noch Hochhäuser und Fabriken. Sie wollen noch mehr Platz und zerstören dadurch den ganzen Lebensraum. Alle sind nur am Handy, Computer, usw. Sie interessieren sich nicht mehr für die Umwelt.“
Die Bilder stammen aus einer 34-Jahres-Vergleichsstudie: Die aktuellen Antworten österreichischer Schüler:innen aus dem Jahr 2023 werden mit Vergleichsdaten aus 1989 und 2011 abgeglichen; an der Erhebung 2011 nahmen Jugendliche aus Österreich und Deutschland teil (Unterbruner, 1989, 2011).
Art der Zukunftsvisionen

Wie blicken Jugendliche insgesamt auf die Zukunft? Eher düster als unbeschwert. Mehr als die Hälfte der Zeichnungen aus dem Jahr 2023 wurde als pessimistisch eingeordnet, deutlich weniger als optimistisch oder neutral. Die eingangs beschriebenen Bilder sind also keine Ausnahmen, sondern Ausdruck eines breiteren Musters: Zukunft erscheint häufig als etwas Bedrohtes, Beschädigtes oder Verlorenes.
Auffällig ist zugleich, dass nicht alle Jugendlichen gleich zeichnen. Mädchen entwerfen in dieser Studie deutlich häufiger pessimistische Zukunftsbilder als Jungen: 61 % ihrer Zeichnungen wurden als pessimistisch eingeordnet, bei den Jungen waren es 43 %. Auch das Alter spielt eine Rolle: Ältere Jugendliche stellen die Umwelt etwas häufiger als beschädigt dar. Zugleich besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen pessimistischen Zukunftsbildern und der Darstellung zerstörter Natur. Jugendliche, die sich weniger stark vom Klimawandel betroffen fühlen, zeichnen dagegen häufiger intakte Umwelten.
Besonders auffällig ist die Rolle der Natur. Sie steht in vielen Zeichnungen im Zentrum, jedoch selten als heile Kulisse, sondern meist als zerstörter oder bedrohter Lebensraum. Wälder brennen, Lebensräume gehen verloren, Stadt und Technik drängen sich nach vorn. Natur erscheint 1989 in 80 % aller Zeichnungen, 2011 in 62 % und 2023 in 60 %. Zugleich überwiegen in allen drei Erhebungen Darstellungen zerstörter Natur: bezogen auf alle Zeichnungen bei 46 % (1989), 28 % (2011) und 38 % (2023). Auch wenn nur Zeichnungen mit Naturdarstellung betrachtet werden, bleibt zerstörte Natur die häufigste Form, mit 57,5 % im Jahr 1989, 45,2 % im Jahr 2011 und 63,3 % im Jahr 2023. Auffällig ist zudem, dass Mädchen Natur nicht nur häufiger zeichnen, sondern auch öfter als zerstört darstellen. Insgesamt wurde Natur in den neueren Erhebungen seltener dargestellt.
Umwelt: Zwischen Sorge und Sehnsucht
Die Umwelt bleibt der rote Faden – nicht nur in den Zukunftsbildern, sondern auch in den Wünschen und Ängsten der Jugendlichen. Sie erscheint dabei doppelt: als bedrohte Welt und als etwas, das geschützt werden soll. 2023 ist Umweltschutz mit 35,5 % der häufigste Wunsch, Umweltzerstörung mit 58,9 % zugleich die häufigste spontan genannte Angst. Gerade in dieser Gleichzeitigkeit von Sorge und Sehnsucht wird sichtbar, wie zentral die Umwelt für viele Jugendliche ist – und warum sie an Debatten über Klimaangst anschließen.
Neben der Angst vor Umweltzerstörung fällt noch etwas auf: Auch biophobe Ängste – etwa vor Spinnen, Schlangen oder Insekten – spielen 2023 eine große Rolle. In den spontanen Antworten treten sie deutlich häufiger auf als noch 1989. Das zeigt: Natur erscheint in den Zukunftsvorstellungen Jugendlicher nicht nur als etwas, das bewahrt werden soll, sondern teilweise auch als etwas, das Unbehagen oder Abwehr auslöst. Die Studie selbst erklärt diesen Anstieg nicht. Andere Forschungen legen jedoch nahe, dass biophobe Ängste mit geringerem Naturkontakt und vermeidenden
Erfahrungen zusammenhängen können (Soga et al., 2020, 2023).

Veränderungen in der Darstellung von Natur in den Zeichnungen der Schüler:innen im Zeitverlauf. Dargestellt ist zunächst der Anteil der Zeichnungen mit und ohne Naturdarstellung. Innerhalb der Naturdarstellungen wird zwischen zerstört, intakt und ambivalent unterschieden.
Betroffenheit: Welche Umweltprobleme am meisten berühren
Aus den Daten von 2023 geht hervor, dass Jugendliche besonders stark auf Umweltprobleme reagieren, die psychologisch nah wirken. Aus Sicht der Construal Level Theory werden Probleme umso konkreter und bedeutsamer erlebt, je weniger räumliche, zeitliche, soziale oder hypothetische Distanz sie zum eigenen Leben haben (Trope & Liberman, 2010). Genau dazu passen auch die Ergebnisse der Studie: Besonders stark berühren verschmutztes Trinkwasser, Plastik im Meer und schrumpfende Lebensräume; insgesamt liegt Umweltverschmutzung vor Klimawandel und Ressourcenknappheit.
Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass sichtbarere und anschaulichere Umweltschäden leichter starke Gefühle auslösen und deshalb dringlicher erscheinen (Slovic et al., 2004). Auffällig ist dabei, dass Umweltprobleme nicht alle Jugendlichen in gleicher Weise berühren. 2023 berichten Mädchen eine höhere wahrgenommene Umweltbetroffenheit als Jungen, und ältere Jugendliche fühlen sich stärker betroffen als jüngere.
Umweltprobleme werden also unterschiedlich intensiv erlebt – je nachdem, wie nah sie wahrgenommen und wie persönlich bedeutsam sie eingeordnet werden.
Klimaangst
Klimaangst beschreibt belastende Gefühle im Zusammenhang mit der Klimakrise, etwa Sorge, Angst, Ohnmacht oder Traurigkeit (Pihkala, 2019). Sie ist nicht automatisch krankhaft, kann aber das Wohlbefinden und den Alltag beeinträchtigen, wenn die Belastung stark wird (Clayton, 2020). Gerade bei jungen Menschen ist diese Form der Belastung weit verbreitet und eng mit Zukunftssorgen verbunden (Hickman et al., 2021).
Das Ranking der Zukunftswünsche im Wandel

Auch jenseits von Umweltfragen richten sich viele Wünsche auf das eigene Leben: Freiheit, Reisen, Familie, Partnerschaft und spätere Zufriedenheit bleiben wichtig. Gleichzeitig zeigt die Studie einen Wandel: Umweltbezogene Wünsche sind heute deutlich präsenter als in früheren Jahrzehnten. Persönliche Lebenspläne und gesellschaftliche Sorgen stehen für viele Jugendliche also nicht nebeneinander, sondern greifen ineinander.
Macht Wissen ruhiger – oder eher besorgter?
Die Ergebnisse der Studie sprechen eher gegen die Annahme, dass Wissen automatisch beruhigt. Im Gegenteil: Ein höheres Wissensniveau hängt in den Daten sowohl mit einer stärkeren wahrgenommenen Umweltbetroffenheit als auch mit mehr Angst zusammen, besonders mit gesellschaftsbezogenen Ängsten. Auch in einer deutschen Jugendstudie aus dem Jahr 2024 zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Bildung und Klimasorge: Jugendliche mit höherer Bildung berichten häufiger Sorge um den Klimawandel als Jugendliche mit niedrigerer Bildung (Liz Mohn Centre, 2024).
Das heißt nicht, dass Bildung Angst „macht“. Die Studie zeigt aber, dass mehr Wissen offenbar nicht automatisch mit Beruhigung einhergeht. Wer Umweltprobleme besser versteht, nimmt ihre möglichen Folgen möglicherweise klarer wahr. Genau darin liegt eine zentrale didaktische Pointe: Wissensvermittlung allein reicht nicht aus. Sie sollte mit Raum für Einordnung, emotionale Verarbeitung und konkrete Handlungsmöglichkeiten verbunden werden.
Was heißt das für den Unterricht?
Bildung für nachhaltige Entwicklung kann heute nicht bei Fakten stehen bleiben. Wer mit Jugendlichen über Klimawandel, Umweltzerstörung oder verschmutzte Lebensräume spricht, berührt Themen, die viele nicht nur interessieren, sondern persönlich bewegen (Hickman et al., 2021). Unterricht sollte deshalb wissenschaftliches Verstehen mit emotionaler Einordnung verbinden und globale Umweltprobleme nicht nur abstrakt behandeln, sondern an konkrete, wahrnehmbare Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen, weil psychologische Nähe die empfundene Relevanz erhöhen kann (Maiella et al., 2020). Zugleich braucht es sichere und unterstützende Lernräume, in denen Sorgen, Unsicherheit oder Ohnmachtsgefühle ausgesprochen werden dürfen, ohne abgewertet zu werden (Unterbruner, 2011). Gefragt sind daher nicht Angstbotschaften, sondern Unterrichtsformen, die Orientierung geben, Gefühle aufgreifen und realistische Handlungsmöglichkeiten eröffnen (Gebhard, 2020). Dazu können auch kurze, unterstützte Begegnungen mit lokaler Biodiversität gehören, wo dies sinnvoll ist, um Vermeidung entgegenzuwirken (Soga et al., 2023). So kann Bildung für nachhaltige Entwicklung Jugendliche dabei unterstützen, Umweltkrisen ernst zu nehmen, ohne in Lähmung oder Abwehr stecken zu bleiben – denn eines ist klar: In den spontanen Antworten tritt die Angst vor Umweltzerstörung heute deutlich stärker hervor.
Literatur
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Trope, Y. & Liberman, N. (2010). Construal-level theory of psychological distance.
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Unterbruner, U. (1989). Umwelterziehung und die Ängste Jugendlicher vor
Umweltzerstörung: Eine empirische Untersuchung über Zukunftsvorstellungen 13- bis 18-
jähriger Schüler/innen und daraus resultierende Konsequenzen für die Umwelterziehung
[Habilitationsschrift, Paris-Lodron Universität Salzburg].
https://permalink.obvsg.at/AC00099433
Unterbruner, U. (2011). Geschichten aus der Zukunft: Wie Jugendliche sich Natur, Technik
und Menschen in 20 Jahren vorstellen. München: oekom Verlag.