Im Gespräch

mit Inga Feuser von Teachers for Future

Von Astrid Carrapatoso & Jutta Nikel

Was ist Teachers for Future und wie kam es zur Gründung des Vereins?

Die Initiative entstand 2019 fast zeitgleich mit Fridays for Future und ist seit 2021 ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Wir haben uns aus dem Wunsch heraus gegründet, Fridays for Future zu unterstützen, weil es darauf sehr unterschiedliche Reaktionen gab wie z.B. die Diskussion, dass Schüler*innen lieber in die Schule gehen sollten. Nach einer Weile haben wir aber gemerkt, dass wir noch mehr machen wollen als nur zu sagen, „Hey, wir streiken mit“ und dass wir unsere Aktivitäten nicht auf den Klimastreik begrenzen wollen. Letztendlich ist oder war das ja die Aktionsform der Schüler*innen. Wir haben uns deshalb gefragt, was denn unsere Aufgabe als Lehrerkräfte in diesem Kontext ist. 2021 haben wir dann den Verein gegründet, um wirksamer werden zu können, um strukturierter und systematischer arbeiten zu können. 

Welche Ziele verfolgt Teachers for Future? 

Unser übergeordnetes gesellschaftliches Ziel ist die Transformation und das Erreichen von Klimagerechtigkeit. Speziell als Lehrkräfte haben wir überlegt, was unsere Aufgabe oder unsere Stärke ist, vielleicht auch welchen Hebel wir als Lehrkräfte haben, um zu dieser Transformation und zum Erreichen von Klimagerechtigkeit beizutragen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist zumeist das Erste, worauf man stößt. Es ist aber nicht unser Hauptanliegen, zum Beispiel Unterrichtsmaterial zu erstellen und neue BNE-Projekte auszuarbeiten, da gibt es bereits genug. Trotzdem kommt BNE nicht in die Breite. Wir sind zur Erkenntnis gekommen, dass unser Hauptanliegen die Ermutigung und Befähigung von Lehrkräften ist, sich überhaupt mit den Krisen auseinanderzusetzen und sie zum entscheidenden Lerngegenstand von schulischen Lernprozessen zu machen. Wir haben festgestellt, dass es sehr viele verschiedene Gründe gibt, warum Lehrkräfte das nicht tun: wegen eines falsch verstandenen Neutralitätsgebotes oder aufgrund der eigenen Lähmung oder Angst. Unser Ziel ist deshalb, Lehrkräfte zu empowern, sich aus all dem zu befreien. Zudem wollen wir auch auf struktureller Ebene Dinge verändern, zum Beispiel durch Lobbyarbeit. Wir versuchen, mit Entscheidungsträger*innen in der Bildungspolitik und -administration auf allen Ebenen Gespräche zu führen und dafür zu werben, dass die Rahmenbedingungen für BNE verbessert werden.

Ich musste aktiv werden um mit Zukunftsängsten umzugehen.

Was hat Sie persönlich dazu motiviert, sich bei Teachers for Future zu engagieren?

Das Jahr 2019 war ein Klimaerweckungsjahr für mich. Mein Erkenntniszuwachs in Bezug auf die Erderwärmung hat mir sehr viel Angst gemacht. Als ich das, auch Dank der Klimabewegung, durchdrungen hatte, kam eine Phase, in der es mir persönlich wirklich schlecht ging, beispielsweise wenn ich mir Szenarien angeschaut habe, wie die Welt in 50 Jahren aussehen könnte. Das waren und sind starke Zukunftsängste. Meine Motivation war:  Ich muss aktiv werden, um damit umzugehen. Bei der Frage, wo ich besonders wirksam sein kann, kam ich dann auf mein eigenes Umfeld, die Lehrkräfte. Da entstand die Idee, eine Tagung zu veranstalten. So haben wir, die Ortsgruppe Köln von Teachers for Future, zusammen mit anderen Organisationen, den Change School Summit ins Leben gerufen und konnten dadurch viele Lehrkräfte vor allem aus Nordrhein-Westfalen erreichen.

Wie wird Ihr Engagement aufgenommen?

Halb und halb. Ich habe in der Schule gemeinsam mit KollegInnen einen Klimarat gegründet. Das war ein wundervolles Projekt in Kooperation mit der Organisation Next Economy Lab, das Partizipation und Demokratiebildung mit Nachhaltigkeitsbildung vereint. Bei den Schüler*innen, die da mitgemacht haben, ist das sehr gut angekommen. Bei den Eltern, die uns unterstützt haben auch und auch in der Kommune. Wir hatten ein tolles Medienecho. Wir haben viel erreicht und sogar einen Preis gewonnen. Aber es gibt auch kritische Kolleg*innen, die sagen, jetzt zieht ihr hier die Leute aus meinem Unterricht ab.

Man lernt, ein dickes Fell zu haben.

Teachers for Future möchte Wirkung erzielen. Gibt es Beispiele oder Aktionen, bei denen Sie den Eindruck hatten, hier wurde tatsächlich etwas erreicht? 

Wenn es nach der Größe und Wirksamkeit der Aktionen geht, dann sind es diese zwei Dinge: Unsere große Tagung „Lehrer*in sein in der Klimakrise“ mit ungefähr 150 Teilnehmenden an der Universität Mainz vor fast zwei Jahren. Da haben wir tatsächlich etwas gänzlich Neues geschaffen:  eine Tagung, die sich sehr intensiv mit BNE auseinandergesetzt hat, die aber bewusst keine BNE-Tagung war, sondern die das größere Bild gezeichnet hat. Wir haben dazu Aspekte der politischen Bildung, der Psychologie und der Schulentwicklung adressiert. Ich glaube, die Stärke unserer Tagung war einerseits dieser breite Mix an unterschiedlichen Expert*innen aus der politischen Bildung, aus den Bildungswissenschaften, der Zivilgesellschaft und aus der Schüler*innenschaft. Und das andere ist die Art, wie wir diese Tagung gestaltet haben, so dass sie eine sehr empowernde Kraft entfaltet hat. Es gibt ein Video von dieser Tagung und ich persönlich finde, dass das auch wirklich die Stimmung dort vor Ort gut transportiert: ein sehr wertschätzender Umgang miteinander. Daraus ist unsere Mainzer Erklärung hervorgegangen und auch ein Tagungsband. Diese Tagung zieht immer noch immer weitere Kreise. Auf Grundlage der Abschlusserklärung habe ich dann zum Beispiel einen kleinen Impulsvortrag entwickelt, den ich bei der Jahrestagung des Bundesarbeitskreises Lehrer*innenbildung als Keynote und später in vielen Seminaren halten durfte. Das Zweite, das Wirkung erzielt, sind definitiv die Aktionen, vor allem die Filme, zum Thema „Diensteid verpflichtet“ zum Neutralitätsgebot. Dies treibt uns gerade tatsächlich insbesondere um, denn wir erkennen ein falsch verstandenes Neutralitätsgebot als große Gefahr.

Woran machen Sie die Wirksamkeit der Arbeit von Teachers for Future fest?

Als ehrenamtlicher Verein können wir es nicht leisten, Wirksamkeit systematisch zu erfassen. Aber tatsächlich spüren wir die Wirksamkeit ganz oft auf der Ebene des persönlichen Feedbacks, also sowohl von den Kolleg*innen und Referendar*innen, von all den Menschen, die an unseren Vorträgen, Workshops und Tagungen teilnehmen. Auch die Anfragen für Vorträge und das Feedback von Institutionen, wie dem  Bundesarbeitskreis Lehrer*innenbildung oder dem Forum Schule, zeigt uns unsere Wirksamkeit.

Teachers for Future bietet Fortbildungen an, zudem finden sich auf der Webseite Hinweise auf Literatur zu BNE für Schulen. Gibt es Kriterien, wonach Sie aussuchen, was Teachers for Future empfiehlt? 

Best-Practice-Erfahrung! Das ist wohl der fundamentale Unterschied z.B. zur Wissenschaft. Letztendlich sind wir Aktivist*innen. Natürlich hatten wir bei dem Tagungsband den Anspruch, auch wissenschaftliche Expertise einzuholen. Wir haben aber die Wissenschaftler*innen danach ausgewählt, ob das, was sie sagen, aus unserer Sicht eine wirkliche Relevanz für die Praxis hat.

Mainzer Erklärung

In der Mainzer Erklärung fordern die Teachers for Future eine umfassende Bildungswende, die Bildung für nachhaltige Entwicklung systematisch in den Schulalltag integriert. https://teachersforfuture.org/2023/11/10/abschlusserklaerung-zur-t4f-tagung-lehrerin-sein-in-der-klimakrise/

Wenn Sie sagen, dass sich Dinge in die Praxis übersetzen lassen müssen, ist das immer das leitende Kriterium? 

Die leitende Frage ist: Können wir mit dem, was dort gesagt wird, etwas in der Praxis anfangen? Das ist aber natürlich sehr subjektiv. Wenn ich Vorträge halte, dann greife ich natürlich auf Studien zurück, die meine Aussagen belegen oder auf Studien von renommierten Einrichtungen wie dem Institut Futur der FU Berlin. Wir haben aber eher einen praxisorientierten als einen wissenschaftlichen Anspruch an das, was wir tun.

Wie kann die Wissenschaft wissen, was in der Praxis relevant ist? 

Das ist eine schwere Frage. Auf die Schnelle kann ich das gar nicht beantworten. Für mich wäre eine spannende Frage, was brauchen Lehrer*innen, damit sie weiter aktiv sind oder aktiv werden? Da verbirgt sich auch die Frage nach der Wirksamkeit dahinter: Wie gut gelingt es uns, die Menschen zum Engagement zu motivieren und bei der Stange zu halten?

Die BUGEN (BNE im Unterricht – Gelingensbedingungen für die Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenz) Studie kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass Lehrkräfte mit einem sehr hohen Umweltbewusstsein weniger Erfolg in der Vermittlung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen haben. Eventuell wirken solche Lehrkräfte zu stark mit ihren persönlichen Einstellungen auf die Lernenden ein und rufen so eine Art der Reaktanz bei Schüler*innen hervor. Wie deckt sich dieser Befund mit Ihren Erfahrungen?  

Meine initiale Reaktion dazu ist, dass diese Reaktanz genau damit zusammenhängt, dass wir in einem System leben, das nicht-nachhaltiges Verhalten fördert und belohnt und Schüler*innen eine individuelle Verantwortung für nachhaltiges Verhalten aufbürdet. Wenn da jemand Erwachsenes vorne steht und immer wieder sagt, du musst aber mit dem Fahrrad kommen, dann ruft das bei Jugendlichen per se zunächst einmal eine gewisse Ablehnung hervor. Junge Menschen wollen auch einfach  Räume haben, in denen sie in Ruhe gelassen werden, und in denen sie alleine entscheiden können, was sie selbst wichtig finden. Außerdem sehe ich, dass wir Bildung für nachhaltige Entwicklung seit Jahrzehnten als eine fußabdruckbasierte, auf das Individuum abzielende Umweltbildung betreiben und zu wenig den Gedanken hervorgehoben haben: „Ich empowere dich aktiv zu werden, ich empowere dich teilzuhaben und Strukturen zu verändern“, eben emanzipatorische, handlungsorientierte BNE. Ich denke, dass das auch einen Teil dieser Reaktanz ausmacht. Für diese These habe ich natürlich keinen Beleg. Das fände ich aktuell die spannendste Forschungsfrage.  

Ich wünsche mir aufsässige Lehrer*innen.

Werden sich die Ziele und Aufgaben von Teachers for Future in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern? 

Ja, auf jeden Fall. Und auch wieder nicht. Was sich verändert oder was sich schon verändert hat, ist, dass wir den Rechtsruck mitdenken müssen. Wir müssen noch viel stärker dafür sorgen, dass die Schule eine wehrhafte Institution bleibt, dass die Schule zur Verteidigung der Demokratie beiträgt. Und wir brauchen noch stärker Platz für Resilienz in der Schule. Das heißt, dass wir uns stärker mit Psychologie und Resilienzstrategien auseinandersetzen. Verdrängung aufbrechen ist auch etwas, was stärker in den Fokus rückt. Und mit dem Scheitern der Pariser Klimaziele gilt es auch zu überlegen, wie wir uns wappnen können. Und wie wollen wir in einer 2 oder 3 Grad wärmeren Welt leben? Wie können wir dann gut miteinander leben? Und trotzdem ist und bleibt die Aufgabe von Teachers for Future die gleiche: Empowerment von Lehrkräften. 

Was wünschen Sie sich von der kommenden Generation an Lehrkräften?

Ich empfinde meine eigene Generation an Lehrkräften als eine sehr unpolitische. Ich wünsche mir mutigere Lehrer*innen, ich wünsche mir aufsässige Lehrer*innen. Und ich wünsche mir Lehrer*innen, die den Mut und die Kraft haben, sich wirklich auch mit den Krisen, die da sind, auseinanderzusetzen.

 

Literatur

Hörsch, Scharenberg, Waltner & Rieß (2023) Wie gelingt BNE in der Schule? Die Deutsche Schule, Heft 2, S. 105-116.

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