Die aktuellen ökologischen Herausforderungen sind allgegenwärtig. Obwohl sie politisch derzeit in den Hintergrund gerückt sind, berichten die Medien fast täglich über ihre weltweiten Auswirkungen. Forschende veröffentlichen Beiträge, in denen verschiedene Aspekte dieser Problematik analysiert und ihre Folgen erörtert werden. Die Besorgnis über die Zukunft unseres Planeten motiviert viele Menschen, sich für effektivere Schutzmaßnahmen und politische Veränderungen einzusetzen, und das Thema hat auch in Schulen seinen festen Platz. Dennoch ist es nicht einfach, Schüler*innen über die reine Wissensvermittlung hinaus auch emotional für das Thema zu sensibilisieren. Dabei betreffen solche globalen ökologischen Herausforderungen uns alle.
Mit der hier vorgestellten Graphic Novel, Welt im Wandel, werden Schüler*innen an unterschiedliche Themen aus dem Bereich Umweltkrise herangeführt – und zwar nicht einfach über das Bereitstellen von Informationen, sondern insbesondere durch die Visualisierung komplexer Zusammenhänge. Anhand fünf kurzer Geschichten (in der Graphic Novel Stories genannt) wird die Umweltkrise auch für Menschen emotional erfahrbar gemacht, die deren Auswirkungen (noch) nicht täglich spüren.
Das Ineinandergreifen von Text und Bild in der Graphic Novel ermöglicht eine ästhetische Annäherung an komplexe wissenschaftliche Themen und bietet damit einen niederschwelligen Einstieg speziell auch für Schüler*innen, wie verschiedentlich durch internationale Forschungsarbeiten nahegelegt wurde (Emans & Murdoch-Kittich, 2018; Ario et al., 2020; Barberis & Grüning, 2021; Schiemer et al., 2021; Classon Frangos, 2023). So zeigen Studien, dass Graphic Novels (grafische Romane/Comics) in der Sekundarstufe I traditionellen Lehrbüchern überlegen sein können (z. B. Guzzetti & Mardis, 2017). Diese Formate fördern u. a. ein besseres Behalten der Inhalte, ein tieferes Verständnis und positivere Einstellungen gegenüber Naturwissenschaften. Zudem profitieren vor allem Schüler*innen mit Legasthenie und niedrigeren Vorkenntnissen von grafischen Materialien (Smith et al., 2019). Graphic Novels können außerdem die Lernmotivation in vielfältigen Bildungsbereichen erhöhen. Eine Studie mit 508 Schüler*innen zeigt, dass narrative Geschichten in der Chemie das Interesse und die Motivation, insbesondere bei Mädchen, im Vergleich zu faktenbasierten Texten verbessern (Reschke et al., 2020). Weitere Untersuchungen verbinden Grafik-Romane mit erhöhter intrinsischer Motivation, gesteigertem Leseinteresse, prosozialem Verhalten und einem größeren Selbstwirksamkeitserleben. Rogas und Ott (2022) heben hervor, dass digitale E-Tutorials basierend auf Grafik-Romanen unterschiedliche Motivationsbedürfnisse ansprechen, während Smetana et al. (2009) deren Nutzen für Schüler*innen mit besonderen Bedürfnissen, wie gehörlose Schüler*innen im Englischunterricht, dokumentierten. Insgesamt unterstreichen zahlreiche Studien die motivierende Wirkung von Grafik-Romanen in der Sekundarstufe und ihre Anpassungsfähigkeit für verschiedene Fächer.
Aus fünf Geschichten formt sich ein Bild
Die fünf Geschichten sind so angelegt, dass die erste und die letzte einen zeitlichen Rahmen bilden. So führen wir anhand der ersten Story „Wie alles begann“ zunächst in historische Gründe für die Umweltkrise ein und zeigen exemplarisch die Verflechtung von Imperialismus und Globalisierung seit dem 17. Jahrhundert auf. Am Ende, in der fünften Story „Wie es weitergehen könnte“, wird schließlich ein positives Zukunftsszenario, ein Möglichkeitsraum eröffnet. Die drei Geschichten im Mittelteil spielen sich in der Gegenwart ab und behandeln die Dreifachkrise, bestehend aus Verschmutzung (Story 2: „Plastik überall!“), Klimawandel (Story 3: „Erde erhitzt!“) und Biodiversitätsverlust (Story 4: „Vielfalt zerstört!“).
Durch diesen zeitlichen Aufbau, der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges umfasst, kommt ein zentraler Gedanke zum Ausdruck: die Interdependenz und der strukturelle Zusammenhang dieser Krise in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Dies wird noch einmal zusätzlich dadurch verdeutlicht, dass die einzelnen Geschichten räumlich ganz unterschiedlich verortet sind – von den beiden amerikanischen Kontinenten, über Europa und Afrika bis nach Australien. Dadurch wird die Verwobenheit und Komplexität der Umweltkrise gezeigt, aber auch anschaulich vor Augen geführt, dass es sich dabei um ein globales Phänomen handelt, das Menschen und Lebewesen in ganz unterschiedlichen Umgebungen und Situationen jeweils unterschiedlich betrifft.
Zwischen den Zeilen lesen
Die Individualität und Eigenständigkeit dieser Facetten werden durch einen Farbcode ausgedrückt: Jede Story hat ihre eigene Farbgebung. Damit wird einerseits den einzelnen Geschichten eine besondere Atmosphäre verliehen und andererseits die Lebenswelt der Protagonist*innen visuell verdeutlicht. So ist beispielsweise die vierte Geschichte, in der es um lebenswichtige Flüsse und Wälder in einem Nationalpark in Ecuador geht, in kräftigen Blau- und Grüntönen gestaltet. Die Geschichte über die Klimaerwärmung ist hingegen in einem blassen, eher kühl und traurig wirkenden Blau gehalten, das – noch verstärkt durch gezackte Sprechblasen – die existentiellen Ängste der jugendlichen Protagonist*innen zum Ausdruck bringt. Insgesamt stehen die einzelnen Geschichten aber nicht für sich allein. Die strukturelle Kopplung der verschiedenen Facetten der Umweltkrise wird vielmehr durch Konnektoren, also wiederkehrende Bilder und Elemente zur Verbindung der einzelnen Geschichten, unterstrichen. Eine auf den ersten Blick unscheinbare Bonbonverpackung aus Plastik wird etwa zur Protagonistin der zweiten Story über Umweltverschmutzung. Dadurch wird sichtbar, dass wir es als Menschen in der Hand haben, wie wir mit diesem „Abfall“ umgehen und welche Auswirkungen dieser auf uns und unsere Umwelt hat.
Die Graphic Novel im Unterricht
Welt im Wandel knüpft an Ziele der im Bildungsplan verankerten Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) an. Durch die mehrdimensionale Konzeption regt sie nicht nur zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Themen rund um die Umweltkrise an, sondern fördert auch die Empathiefähigkeit durch das Eintauchen in ganz unterschiedliche Lebenswelten. Darüber hinaus lädt sie zur Reflexion über die Eingebundenheit und zum Engagement ein, indem beispielsweise in Story 3 konkrete Handlungsoptionen wie das Recherchieren von Zusammenhängen und die Teilnahme an Demonstrationen aufgezeigt werden.
Auf der inhaltlichen Ebene bietet sie Anschluss an Inhalte der Fächer Geografie, Gemeinschaftskunde, Politik, Wirtschaft und Geschichte. Auch für den Deutsch- oder Kunstunterricht bietet sich Welt im Wandel an, etwa zur Diskussion der Gattung Graphic Novel oder zur Thematisierung der visuellen Gestaltung, Farbgebung und des Bild-Text-Verhältnisses. Insbesondere mit Blick auf Story 5 wäre hier eine denkbare Aufgabe, die Lernenden anzuregen, eine eigene Version der Zukunft in ein Text-Bild-Format zu übersetzen. Auch die Umgestaltung und Re-Imagination der anderen vier Geschichten in anderen Textgattungen ist denkbar: etwa Kurzgeschichte, Essay, Brief oder journalistischer Artikel. Die Lernenden können darüber hinaus dazu angeregt werden, mit forschendem Blick ihren eigenen Alltag zu erkunden und relevante Verbindungslinien zu den Themen Verschmutzung, Klimawandel und Biodiversitätsverlust zu identifizieren und in ein Bild-Text-Format (z. B. Comic, Graphic Novel, Fotoroman) zu übersetzen. Auch könnten als Alternative zur ersten Geschichte weitere wichtige historische Ereignisse (beispielsweise Aspekte rund um die Industrialisierung) erarbeitet und visualisiert werden.
Literatur
Ario B. C Oladumiye E. B Ibiwoye T. I (2020). Assessing the Effectiveness of Comic- Style Illustrations for Promoting Environmental Sustainability. Arts and Design Studies Vol.85, 202, 10-18
Barberis E. & Grüning,B. 2021. Doing Social Sciences Via Comics and Graphic Novels. An Introduction. Sociologica. V.15 N.1 (2021) 125-142
Classon Frangos, M., Ghose, S. (2023). Why Refugee Genres? Refugee Representation and Cultural Form. In: Classon Frangos, M., Ghose, S. (eds) Refugee Genres. Palgrave Macmillan, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-031-09257-2_1
Guzzetti, B., & Mardis, M. (2017). The Potential of Graphic Nonfiction for Teaching and Learning Earth Science. School Libraries Worldwide, 23(1), 15–28. https://doi.org/10.29173/slw6918
Emans, D. & Murdoch-Kittich, K.M. (2018). Connective Methodologies: Visual Communication Design and Sustainability in Higher Education. In: W. Leal Filho et al. (eds.), Handbook of Sustainability and Social Science Research, World Sustainability Series, https://doi.org/10.1007/978-3-319-67122-2_5
Reschke, T., Koenen, J. & Sumfleth, E. Vom situationalen Interesse zum Lernerfolg: Lesegeschichten im Chemieunterricht der Sekundarstufe I. ZfDN 26, 191–206 (2020). https://doi.org/10.1007/s40573-020-00120-z
Rogas, A. Ott, M. (2022). Denken mit Bildern. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 48 (Digitalisierung als Katalysator):65-84. https://doi.org/10.21240/mpaed/48/2022.06.08.X
Schiemer et al., 2021; Theories of Creativity: The Significance of the Insignificant. Research Note: Methodological Reflections behind the Scenes. Sociologica. V.15 N.1 (2021)
Smith, P. L., Goodmon, L. B., Howard, J. R., Hancock, R., Hartzell, K. A., & Hilbert, S. E. (2019). Graphic novelisation effects on recognition abilities in students with dyslexia. Journal of Graphic Novels and Comics, 12(2), 127–144. https://doi.org/10.1080/21504857.2019.1635175
Smetana, L. Odelson, D. Burns, H. & Grisham, D. L. (2009). Using Graphic Novels in the High School Classroom: Engaging Deaf Students With a New Genre. Journal of Adolescent & Adult Literacy 53(3):228-240