Waldhaus Freiburg
Seit 2011 betreibt die gemeinnützige Stiftung WaldHaus das Projekt „Schulverwaldung“ im Freiburger Sternwald. Dieses Projekt ist deutschlandweit einzigartig. Schüler*innen der Mittelstufe arbeiten eine Woche im Wald, um ein eigenes Produkt aus Holz selbständig herzustellen und anschließend zu verkaufen. Sie erleben und bewerkstelligen den gesamten Produktionsprozess zum Beispiel einer Sitzbank oder eines Hochbeetes: von der Fällung des Baumes bis hin zur Endmontage des Produkts. Daneben kümmern sie sich selbst um ihre Verpflegung in der Outdoorküche und dokumentieren ihre Zeit im Wald. Ziel des Projektes ist es, fächerübergreifend wichtige Kompetenzen im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung „nebenbei“ zu fördern und Bildungsinhalte direkt vor Ort erlebbar zu machen.
Wie genau läuft so ein Projekt in der „Schulverwaldung“ ab?
Bevor die Klasse – meist eine Achte – tatsächlich bei uns eine Woche für ihr Projekt im Sternwald ist, besuche ich sie einen Monat vorher an der Schule und erkläre grob, worum es geht. Ich stelle ihnen zunächst eine Art Produktkatalog der bisherigen Projekte anderer Schulklassen vor. Das sind zum Beispiel Sitzbänke, Hochbeete oder auch Insektenhotels, die Schüler*innen bei uns gebaut haben. Dann müssen die Schüler*innen sich Produkte überlegen, sich selbstständig Kund*innen suchen, die ihnen das fertige Produkt abkaufen und anschließend mit mir beraten: „Herr Gottwald, bei meiner Reitbeteiligung soll ein neuer Zaun gebaut werden, können wir das machen?“ Ja, können wir. Oder: „Wir haben insgesamt ein Hochbeet und drei Bänke, die wir verkaufen können. Schaffen wir das zeitlich und was könnten wir dafür verlangen?“ Und wenn wir uns auf die herzustellenden Produkte geeinigt haben, geht die praktische Woche los: Die Kinder sind Montag bis Freitag von 8:00 bis 15:00 Uhr mit zwei betreuenden Lehrkräften bei uns im Wald, fällen Bäume und bauen daraus ihre Werkstücke.
Was können die Schüler*innen im Projekt tatsächlich selbst entscheiden – und wo sind die Grenzen ihrer Selbstbestimmung?
Ich habe da oben im Wald natürlich schon ein paar Regeln, an die sich gehalten werden muss: Wir sägen nicht einfach irgendwelche Bäume ohne Rücksprache an, wir schmeißen keinen Müll in den Wald und so weiter. Aber am Ende ist meine Rolle die, im Wald einen Raum zu schaffen und einer Klasse die Option zu bieten, diesen Raum zu nutzen. Die Kinder entscheiden selbst, was sie kochen, wann sie kochen, wie viel Geld sie für Lebensmittel einsammeln. Sie überlegen sich, was sie bauen wollen, was sie verkaufen, wie viel Geld sie damit verdienen können. Das sind alles Partizipationselemente, die dazu führen, dass eine Woche bei uns ganz anders angenommen wird, als wenn es von meiner Seite aus heißt: Ich habe hier mein festes Programm und heute Mittag gibt es Spaghetti mit Tomatensoße, also Du da, hol mal drei Kilo Spaghetti. Und Du, wir fällen jetzt hier zusammen diese drei Bäume. Dann nach recht kurzer Zeit denken die Kinder sich: „Wieso soll ich drei Bäume für den fällen?“ Anfangs hatte ich Vorgaben zum Essen – nur ökologisch, regional, saisonal und so weiter einzukaufen – und wenn dann die Kids 5 Kilo Hühnerflügel halal aus dem Ariana für 3,99 Euro geholt haben, habe ich halt geschimpft, dass das aus Tierschutz- und Umweltgründen nicht geht. Mittlerweile habe ich mich da völlig rausgenommen. Wenn mir mittags diese Hühnerflügel angeboten werden, sage ich einfach: „Nein danke, ess´ ich nicht.“ Dann fragen sie nach: „Wieso, du brauchst doch Kraft? Du arbeitest doch hart.“ Ja, aber die Kraft, die brauche ich nicht aus diesen Hühnerflügeln, das ist einfach gegen meine Überzeugung. Ich habe festgestellt, dass sie da viel mehr darüber nachdenken als nach einer Predigt – ein großer, starker Typ, der Bäume fällt, aber so etwas isst er nicht. Dadurch begegne ich den Kids auf Augenhöhe.
Und so ist es mit dem Arbeiten auch. Natürlich bin ich letztendlich derjenige, der ihnen auf ihrem Weg zu einem erfolgreichen Produkt hilft und ihnen Ratschläge gibt, welche Bäume sich eignen, wie man einen Baum fällt und wie man ihn am besten entastet. Aber bloß nicht immer bereits die Lösung vorgeben! Man kann stattdessen sagen: „Überlegt euch mal, wie ihr den Baum jetzt weiterverarbeitet.“ Also der Lernprozess – dieses sich selbst in etwas reindenken und zu überlegen, wie gehe ich mit einem Problem um und finde eine Lösung, das ist mir total wichtig.
Mit welchen Problemen und Bedenken Eurer „Kundschaft“ habt Ihr zu kämpfen?
Dieses eigenständige Erkunden und Entdecken des Waldes, das fehlt zunehmend. Wir haben eine starke Naturentfremdung, gegen die wir anarbeiten. Die Menschen kommen nicht mehr raus, da müssen wir den Raum schaffen, wenn die Familien das nicht mehr tun. Der Wald ist in bestimmten Gruppen auch ein total negativ belegter Ort, wo man sich versteckt in schlechten Zeiten, der aber sonst als rückschrittlich angesehen wird. „Spinnt ihr, am Lagerfeuer kochen? Wir haben doch Strom!“ Anfangs habe ich noch gedacht, die wollen mich ärgern – wegen jeder kleinen Biene „IIIIIIHHHHH“ und vom Platz weggerannt. Bis ich mal verstanden habe, dass die wirklich Angst haben, da sie in ihrem ganzen Leben kaum Kontakt zu Natur, Umwelt oder Insekten hatten.
Ein anderes Problem sind falsche Vorstellungen seitens der Lehrkräfte. Die Schule bucht die Woche, ein Jahr im Voraus, die Vorbesprechungen sind gelaufen, du hast deine Regeln vorgestellt, zwei konstant betreuende Begleitpersonen angefordert, und dann ist Montagmorgen und es steht nur eine Lehrkraft da, die keine Ahnung von den vereinbarten Regeln hat und nicht mitarbeitet, sondern am Handy daddelt. Und das geht eben nicht, dass die Schule eine ahnungslose Vertretung zu uns schickt, weil es halt grade nicht reingepasst hat. Das Projekt muss gewollt und in der Schule verankert sein, es muss seinen Platz haben und nicht nur nebenher laufen.
Welche Ziele verfolgt Ihr mit Eurem Ansatz, sprich welche Kompetenzen sollen die Schüler*innen erwerben?
Natürlich bin ich geleitet durch Kompetenzen im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung nach de Haan. Das sind unter anderem Konfliktfähigkeit und Teamfähigkeit, was automatisch passiert in dieser Woche. Da kann einfach niemand alleine eine Bank bauen oder den Stamm raustragen. Natürlich müssen sie sich untereinander absprechen und Hilfe anfordern. Dadurch kommen Menschen zusammen, die sonst im Klassenraum nie etwas miteinander zu tun haben. Dieses miteinander diskutieren, Lösungen finden – letztendlich alles Kompetenzen nach de Haan, die immer in diesem Projekt vorhanden sind. Fächerübergreifendes Lernen wird natürlich auch gestärkt durch die Dokumentation, den Verkauf und und und.
Mir persönlich ist es vor allem wichtig, den Genderaspekt – also diese Rolle, in welche sich die Schülerinnen und Schüler oft selbst stecken – ein bisschen aufzubrechen: Die Mädchen, die sagen, „ich nehme keine Schaufel oder Säge in die Hand, nö, kann ich nicht“. Und die Jungs, die nicht spülen oder in der Küche arbeiten wollen. Sie stellen sich ganz oft selbst in diese Rollen. Dann ist es meine Aufgabe, den Ängstlicheren Mut zuzusprechen, dass so ein Akkuschrauber nicht wehtut und sobald das Feuer des anfänglichen Bäumefällens bei den Jungs abgeebbt ist, lobend anzuerkennen, dass es oft die Mädchen sind, die mit ihrem Durchhaltevermögen den Job ordentlich beenden. Wenn dann Ayse mit ihrem Kopftuch stolz mit dem Hobel Bänke bearbeitet und ruft: „Ich werde mal Schreinerin!“ – das sind die coolsten Momente. Letztendlich erleben die Schüler*innen hier Selbstwirksamkeit. Warum sind die alle so scharf darauf, Holz zu hacken? Draufhauen und das Ding fällt glatt auseinander – mal ehrlich, das macht uns doch allen richtig Spaß. Ich habe seit 30 Jahren so viel Gelegenheit zum Holzhacken und ich hacke immer noch gerne Holz, weil es einfach schön ist, wenn du was tust und es kommt etwas dabei rum. Zudem habe ich bei diesem Projekt die direkte Reaktion auf mein Verhalten an so vielen Punkten. Kochen! Zu viel Salz in der Suppe? Keinem schmeckts. Du hast kein Bock mehr, dieses Ding fertig zu machen? Ja, dann sieht es halt scheiße aus! Vielleicht kriegst du dann weniger Geld dafür oder am Ende gar keins.
Bewirkt eine Woche im Wald bei den Schüler*innen tatsächlich eine langfristige – sprich: nachhaltige – Veränderung? Oder ist es vielmehr eher eine nette Aktion mit kurzfristigen Effekten, wie oft bei außerschulischen Lernorten beobachtet?
Wir machen keine Langzeitevaluation von unseren Projekten, das können wir einfach nicht leisten. Ein Beispiel: Wenn ein Bäckermeister für sein Handwerk brennt, dann kann der Kids mitnehmen und sagen, guck mal, spür mal, riech mal, schmeck mal dieses Brot! Und so ist es für mich da oben mit diesem Wald auch. Das sind Erfolgsgeheimnisse, wie willst du sowas evaluieren, messen oder wissenschaftlich darstellen? Aber ein Punkt, der zeigt, dass wir mit unserem Ansatz nicht so falsch liegen können, ist der, dass uns die meisten Schulen auf Ewigkeiten langfristig buchen. Lehrkräfte, die bereits öfter bei uns waren, schätzen es, dass sie bei uns endlich mal Zeit haben, die Kinder von einer anderen Seite kennenzulernen, mit ihren Schüler*innen intensiv reden zu können und Beziehungsarbeit zu betreiben, was ihnen später im Unterricht in Form von vertrauensvoller Zusammenarbeit zugute kommt.
An dieser Stelle festzuhalten, dass unser Projekt beispielsweise Konzentrationsfähigkeit oder ähnliche Skills nachhaltig fördern würde, das wäre den Mund zu voll genommen bei nur einer Woche Projektdauer. Aber einprägsam sind wir schon. Wenn ich in Freiburg einen Döner bestellen möchte, dann steht da plötzlich einer und ruft: „Alter, Herr Gottwald, damals waren wir bei Ihnen, den Döner gibt es umsonst!“
Was hat sich seit dem Beginn der Schulverwaldung 2011 verändert?
Zunächst waren die Projektwochen noch nicht so gestrickt, dass die Schulklassen irgendetwas mitbestimmen konnten. Es ging erst einmal darum, den Ort zu gestalten. Was brauchen wir denn, dass wir uns wohlfühlen? Eine Feuerstelle zum Kochen, eine Bank zum Sitzen und dann, wenn es regnet, einen Unterstand. Im ersten Jahr haben wir also die ganze Infrastruktur von diesem Platz erstellt. Und dann kam erst der Gedanke, dass die Kids durch diese Tätigkeit des Bauens merken, „Wow, ich kann was“, das ist doch eigentlich das Wichtige. Und wenn Sie dann noch eine Belohnung dafür bekommen, also im Sinne von monetär, das wäre ja noch besser! So kam es zu den Projekten mit dem Verkauf der Produkte durch die Schüler*innen.
Ich hatte bereits Erfahrung in der Umweltbildung, aber damals war ich eben erst 29 Jahre alt. Und es ist völlig normal, auch bei jeder Lehrkraft, dass man zu Beginn gar nicht diese Zuversicht und Selbstsicherheit ausstrahlen kann. Daher habe ich mich als Persönlichkeit sicherlich am meisten verändert. Es war notwendig, den Mut zu haben, Dinge über Bord zu schmeißen und zu entscheiden, dass wenn man Partizipation leben möchte, dann aber richtig. Dazu gehört auch, es sich zu verkneifen nochmal mit einem Schleifpapier über das fertige Werkstück drüber zu gehen oder die Schrauben ein bisschen weiter reinzudrehen, weil es nicht perfekt ist. Das Ding ist dann so, wie es halt ist. Und wenn es Beschwerden von der Kundschaft gibt, müssen die Schüler*innen eben nochmal kommen und nacharbeiten.
Was sind Deine Vorstellungen und Wünsche für die Zukunft der „Schulverwaldung“?
Also wenn man ein bisschen Utopie denken kann…naja, es ist nun mal utopisch. Hartmut von Hentig hatte diesen Gedanken von „Entschulung in der achten Klasse“ – da ist recht viel Spannendes dran. Mein Traum wäre es, länger als eine Woche Zeit mit den Kindern zu haben, vielleicht zwei, drei Monate, und in dieser Zeit etwas Größeres zu gestalten in einem längeren Prozess. Aber es funktioniert leider nicht, dass man Schüler*innen länger aus einer Klasse rausnehmen kann ohne Bewertung der schulischen Leistungen. Eine Voraussetzung für längere Zeiträume wäre es gewesen, dass dauerhaft auch Mathe-, Deutsch- und Englisch-Lehrkräfte dabei wären und die Kinder weiterhin in diesen Fächern unterrichten. Das geht aber leider nicht. Aber ich will nicht meckern: es ist schon mal gut, überhaupt ein Wochenprojekt zu haben.
Eine Schule möchte bei Euch eine Woche „Schulverwaldung“ durchführen – was muss sie dazu tun und welche Kosten kommen auf sie zu?
Eine Email an mich schreiben und ich schaue, was ich machen kann. Kosten fallen keine an, aber umsonst ist das Projekt auch nicht zu haben – die Schule muss während der Woche im Wald zwei Lehrkräfte zur Betreuung abstellen.
Welche Projekte gibt es außer der „Schulverwaldung“ im WaldHaus für Schulklassen?
Es gibt drei weitere einwöchige Projekte, welche für die teilnehmenden Schulen kostenlos sind: Zunächst einmal den „WaldKlimaRaum“ mit Leonie Rückert und das Inklusions-Projekt „Gemeinsam für Vielfalt“ mit Fynn Zimmermann, bei Interesse einfach eine Email an das WaldHaus schreiben. Die Projektleitungen setzen sich dann mit den Lehrkräften in Verbindung und besprechen mögliche Termine und Inhalte. Beim dritten einwöchigen Projekt „Freiburger Forschungsräume“, ein Angebot speziell für Kindergärten und Grundschulen, ist es ein bisschen anders. Dafür ist vorab die Teilnahme an vier Fortbildungsveranstaltungen, welche sich über ein Jahr erstrecken, notwendig.
Darüber hinaus haben wir auch Tagesangebote mit verschiedenen Themen, welche allerdings nicht kostenfrei sind. Nähere Informationen zu den einzelnen Projekten findet man auf unserer Homepage, einfach mal stöbern und bei Interesse anrufen.
„Warum sollten Schulen zu Euch ins WaldHaus kommen?“
Die vielen praktischen Erfahrungen bei uns im Waldhaus geben Schüler*innen die Möglichkeit, sich abseits schulischer Strukturen zu bewähren und sich selbst als wichtigen Teil einer Gemeinschaft zu erleben.