ExpeditioN BNE

Digitale Lernaufgaben für den BNE- oder Geographieunterricht

Von Jule Roßkopf & Prof. Dr. Stephan Schuler

Ein ganz normaler Dienstag im Juni. Im Geographieunterricht steht das Thema Stadtklima auf dem Plan. Dafür hat die Lehrkraft Tablets mitgebracht.

Als problemorientierte Einstimmung sehen sich die Schüler*innen am Tablet eine audiovisuelle Rahmengeschichte zur Hitzebelastung in der Stadt an und beantworten dazu Quizfragen. Kurz darauf arbeiten sie in Kleingruppen auf dem Schulhof und beginnen mit der Erkundung ihrer Umgebung: Sie fotografieren versiegelte Flächen, dokumentieren ihre Raumwahrnehmung und vergleichen verschiedene Standorte hinsichtlich Hitze, Schatten und Aufenthaltsqualität.

Zurück im Klassenraum werden die auf dem Schulhof gesammelten Eindrücke mit anwendungsnahen Grundlagen zum Thema verknüpft. Dabei kommen unter anderem Karten, Satellitenbilder und weitere Materialien zum Einsatz. Die Lernenden vertiefen ihr Verständnis des Stadtklimas und entwickeln auf dieser Grundlage eigene Ideen zur Verbesserung. Schließlich entwerfen sie ein Umgestaltungskonzept für den Schulhof und reflektieren ihren Lernprozess sowie mögliche Zielkonflikte.

„Die Schüler*innen arbeiten eigenständig, kooperativ und handlungsorientiert.“

Was hier geschieht, ist keine durch die Lehrperson frontal angeleitete Lernaktivität, sondern die durchgehend selbstständige Bearbeitung einer digitalen Lern-aufgabe, die in der App Actionbound erstellt wurde. Die Schüler*innen arbeiten eigenständig, kooperativ und handlungsorientiert mit ihren Tablets. Über vielfältige interaktive Aufgabenformate werden sie innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers dazu angeleitet, ihre Raumwahrnehmung einzubeziehen, eine problembezogene Leitfrage zu formulieren, stadtklimatische und stadträumliche Zusammenhänge zu analysieren, Handlungsoptionen zu bewerten und eigene Lösungsansätze zu entwickeln. Damit können zentrale Kompetenzen des Geographieunterrichts und der Bildung für nachhaltige Entwicklung wie z.B. System-, Bewertungs- und Handlungskompetenz gezielt adressiert und gefördert werden.

Doch wie gestaltet man eine solche auf die eigene Lerngruppe und den lokalen Stadt- oder Naturraum abgestimmte digitale Lernaufgabe? Entlang von Ergebnissen und Fortbildungsprodukten aus dem Projekt „ExpeditioN BNE“ zeigt der Beitrag auf, wie Lehrkräfte die dafür benötigten didaktischen Fähigkeiten und technischen Kenntnisse in einem Online-Kurs selbst erwerben können. 

Digitale Lernaufgaben verbinden die Vorteile offener, analoger Lernaufgaben mit den erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten digitaler Medien (Arlt et al., 2022). Tablets oder Smartphones werden dabei nicht als Selbstzweck eingesetzt, sondern ermöglichen neue Informations- und Interaktionsformen, instruktionale Vielfalt sowie differenzierte Lernwege und Feedbackprozesse (z. B. Brägger, 2023; Gerjets & Scheiter, 2019; Sonnenburg, 2023; Zumbach, 2021). Lernende fotografieren, kartieren, befragen, diskutieren und entwickeln eigene Arbeitsergebnisse. Auf diese Weise entstehen vielfältige Zugänge zu Lerninhalten, alternative Lernprodukte sowie individualisierbare Lernwege.

Digitale Lernaufgaben können sehr unterschiedlich gestaltet sein. Sie reichen von kurzen Themenrallyes mit klar strukturierten Erkundungsaufträgen bis hin zu umfangreichen Lernumgebungen oder Escape-Game-Formaten mit narrativen Elementen. Thematisch lassen sie sich flexibel in bestehende Unterrichtsreihen integrieren oder als eigenständige Sequenz konzipieren. Auch die Aktionsräume reichen vom Klassenraum über das unmittelbare Schulumfeld bis hin zu Lernorten im Rahmen von Exkursionen (Hiller et al., 2023).

Gerade für den Geographieunterricht und für BNE bieten digitale Lernaufgaben besondere Potenziale. Reale Räume können erkundet, Daten vor Ort erhoben und Bewertungs- sowie Handlungsfragen diskutiert werden. Fachliche Kompetenzen wie Raumwahrnehmung, Analyse und Bewertung von Raumnutzungen werden so mit zentralen Anliegen der BNE, wie Partizipation oder Entwicklung von Handlungsoptionen, verbunden. 

Zwischen Anspruch und Realität: Herausforderungen für Lehrkräfte

Viele Lehrkräfte finden diese Form des Lernens überzeugend. Gleichzeitig stellen sie sich für den Einsatz digitaler Lernaufgaben oftmals folgende Fragen: Wie lassen sich digitale Lernaufgaben entwickeln, ohne dass der Aufwand im ohnehin dichten Schulalltag zu groß wird? Welche technischen Grundkenntnisse sind entscheidend, um eine digitale Anwendung einzusetzen? Und welche didaktischen Überlegungen sind zentral, damit digitale Medien das Lernen tatsächlich bereichern (u. a. Schulbarometer, 2024)?

Unterstützung durch das Projekt ExpeditioN BNE

An dieser Stelle setzt das Projekt ExpeditioN BNE an. Ziel ist es, Lehrkräfte dabei zu unterstützen, digitale Lernaufgaben mit der App Actionbound im Geographie- und BNE-Unterricht einzusetzen und selbst zu gestalten. Im Rahmen des Projekts wurden neben Prototypen und Aufgabenbausteinen zahlreiche didaktische Werkzeuge als Unterstützung entwickelt, die frei zugänglich auf der Projektwebsite zur Verfügung stehen.

Neben der Durchführung verschiedener Fortbildungs-Workshops wurde ergänzend auch ein kostenloser Selbstlernkurs konzipiert, der über eine Online-Lernplattform eine flexible und individuelle Professionalisierung ermöglicht und Lehrkräfte bei der Entwicklung eigener digitaler Lernaufgaben begleitet.

Der Selbstlernkurs im Überblick

Der Selbstlernkurs richtet sich an Lehrkräfte von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II, die digitale Lernaufgaben entwickeln und im Unterricht einsetzen möchten. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden Schritt für Schritt lernen, eigene digitale Lernumgebungen für drinnen und draußen zu entwickeln. 

Der Kurs umfasst sechs Lektionen sowie zwei Zusatzlektionen, die von grundlegenden didaktischen Überlegungen bis hin zu vertiefenden Themen reichen. Die Inhalte können flexibel im eigenen Tempo bearbeitet und an das individuelle Vorwissen angepasst werden. Ein integriertes Forum ermöglicht einen kollegialen Austausch. Darüber hinaus können asynchrone Feedbackangebote, etwa schriftliche Rückmeldungen zu einem entwickelten Bound (darunter versteht man eine einzelne, in sich geschlossene Rallye- oder Spieleeinheit mit Infos, Aufgaben, Quizfragen, Medien etc.) oder zu einem didaktischen Drehbuch sowie synchrone digitale Sprechstunden genutzt werden. Inhaltlich werden sowohl didaktische als auch technische Aspekte aufgegriffen. Neben Grundlagen zur Entwicklung digitaler Lernaufgaben erhalten Teilnehmende Input zur Arbeit mit Actionbound und dem Bound-Creator. Weitere Schwerpunkte liegen auf der Aufgabenentwicklung für unterschiedliche BNE-Kompetenzbereiche, auf Gamification- und Storytelling-Elementen sowie auf Möglichkeiten der Differenzierung, etwa durch den Einsatz sogenannter Switches zur Gestaltung individueller Lernpfade. 

Einblick in ausgewählte Lektionen

Um einen genaueren Eindruck zu vermitteln, werden im Folgenden zwei Lektionen exemplarisch vorgestellt. Lektion 2 unterstützt die eigenständige Entwicklung einer digitalen Lernaufgabe mithilfe eines didaktischen Drehbuchs. Lektion 4 bietet einen niedrigschwelligen Einstieg über individuell anpassbare Prototypen.

Lektion 2

Themenfindung und Grobplanung eines eigenen Bounds für den Unterricht im oder außerhalb des Klassenzimmers 

Ein zentrales Element bildet das didaktische Drehbuch. Es ist als Planungsinstrument zu verstehen, welches Entwickler*innen dabei unterstützt, Ziele, Rahmenbedingungen und Ablauf einer digitalen Lernaufgabe zu strukturieren und in einem Grobkonzept festzuhalten (Hiller et al., 2023; Lude et al., 2013). Besonders zu Beginn der Boundgestaltung stellt es eine wichtige Unterstützung dar. Das dazugehörige Arbeitsblatt kann heruntergeladen und direkt für die eigene Planung genutzt werden. Beispielhaft ausgefüllte Drehbücher zu unterschiedlichen Themen bieten zusätzliche Orientierung und erleichtern den Einstieg in die eigene Entwicklung.

Lektion 4

Kopieren und Anpassen eines vorgefertigten Bounds 

Weil die selbstständige Entwicklung eines Bounds zu Beginn als große Hürde wahrgenommen wird, ermöglicht der Kurs auch einen niedrigschwelligen Zugang: Lehrkräfte können auf eine Sammlung fertiger Lernaufgaben zurückgreifen. Diese Prototypen lassen sich in den eigenen Account kopieren und anschließend an die eigene Lerngruppe und den Unterrichtskontext adaptieren. So lassen sich digitale Lernaufgaben auch mit begrenzter Zeit in den Unterricht integrieren und schrittweise weiterentwickeln.

Mülltrennung (Klasse 3-4)
Unsere Erde (Klasse 5)
Wetter (Klasse 5-6)
Stadtklima (Klasse 7-9)
Umgestaltung eines Parkplatzes (Klasse 7-9)
Plastikmüll im Meer (Klasse 10)

Empirischer Exkurs

Actionbound wird bereits in verschiedenen schulischen und hochschulischen Kontexten eingesetzt. Studien zeigen, dass die App häufig als praxisnah, interaktiv und motivierend wahrgenommen wird und dadurch lernförderliche Lernumgebungen entstehen können (u. a. Fränkel et al., 2020; Akpinarli & Köseoğlu, 2024). Auch Forschung zum mobilen Lernen weist darauf hin, dass der Einsatz mobiler Endgeräte die Motivation der Lernenden steigern kann (Sung & Mayer, 2013).

Der didaktische Mehrwert digitaler Medien lässt sich unter anderem mit dem SAMR-Modell beschreiben (Puentedura, 2016; Wilke, 2022). Dieses verdeutlicht, dass digitale Technologien Lernprozesse nicht nur unterstützen, sondern auch neue Lernformen ermöglichen können, die ohne digitale Geräte nicht realisierbar wären. Empirische Studien aus der Geographiedidaktik zeigen zudem, dass insbesondere kreative, offene und aktivierende Aufgabenformate von Lernenden als besonders motivierend und lernwirksam wahrgenommen werden (Schuler & Hiller, 2024). Gerade Aufgaben, die digitale Medien sinnvoll integrieren, können einen besonderen Mehrwert für das Lernen bieten.

Auch die Professionalisierung von Lehrkräften spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Eine Studie von Hiller und Conrad (2024) zeigt, dass didaktische Werkzeuge, Prototypen und Aufgabenbausteine Lehrkräfte bei der Entwicklung digitaler Lernumgebungen unterstützen können und zur Förderung von TPACK-Kompetenzen beitragen. Gleichzeitig wird deutlich, dass besonders Blended-Learning-Lehrkonzepte von Praktiker*innen als hilfreich wahrgenommen werden (Roßkopf, i. V.).

Fazit

Digitale Lernaufgaben eröffnen vielfältige Möglichkeiten, geographisches Lernen mit Fragen nachhaltiger Entwicklung zu verbinden. Damit sie ihr Potenzial entfalten können, benötigen Lehrkräfte jedoch geeignete  Unterstützungsangebote. Der Selbstlernkurs bietet hierfür einen praxisnahen Rahmen und unterstützt dabei, digitale Medien nicht nur einzusetzen, sondern didaktisch reflektiert zu gestalten.

Anmeldung zum Online-Kurs: https://expedition-bne.de/online-kurs/

Literatur

Akpinarli, S., & Köseoğlu, P. (2024). Technological tools in education: Actionbound
experience of prospective biology teachers. MIER Journal of Educational Studies Trends
& Practices, 14(1), 226–247.


Arlt, J., Auburger, M., & Luber, I. (2022). Orientierungsrahmen Digitale Lernaufgaben –
Merkmale digitaler Lernaufgaben (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung
München, Hrsg.). https://isb-magazin.de/digitale-lernaufgaben/digla-merkmale


Brägger, G. (2023). Kompetenzorientiertes Lernen mit digitalen Medien. Pädagogik, (7–8),
46–51.


Fränkel, S., Sellmann-Risse, D., & Grotjohann, N. (2020). Digitale Schnitzeljagd im Wald –
Der Actionbound „Dem Wald auf der Spur“ zur Förderung digitaler und fachlich-
biologischer Kompetenzen. Herausforderung Lehrer:innenbildung, 3(1), 34–47.
https://doi.org/10.4119/hlz-2526


Gerjets, P., & Scheiter, K. (2019). Bildungsmedien und digitale Informationsumwelten. In O.
Köller, M. Hasselhorn, F. W. Hesse, K. Maaz, J. Schrader, H. Solga, C. K. Spieß & K.
Zimmer (Hrsg.), Das Bildungswesen in Deutschland. Bestand und Potenziale (S. 865–
895). Verlag Julius Klinkhardt.


Hiller, J., & Conrad, D. (2024). Didaktische Werkzeuge als Beitrag für einen erfolgreichen
Praxistransfer im Projekt ExpeditioN Stadt: Wie kann die Entwicklung mobiler
ortsbezogener Themenrallyes effektiv unterstützt werden? In M. Hemmer, C. Angele, C.
Bertsch, S. Kapelari, G. Leitner & M. Rothgangel (Hrsg.), Fachdidaktik im Zentrum von
Forschungstransfer und Transferforschung. Beiträge der GFD-ÖGFD-Tagung Wien 2022
(S. 235–251). Waxmann.


Hiller, J., Lude, A., & Schuler, S. (2023). ExpeditioN Stadt + Natur. Didaktisches Handbuch
für mobiles außerschulisches Lernen in Stadt und Natur mit Umsetzungsbeispielen für
digitale Themen-Rallyes und Lehrpfade. Schneider Verlag Hohengehren. https://d-
nb.info/1302297465/04


Hiller, J., & Schuler, S. (2024). Die Gestaltung digitaler Lernumgebungen für komplexe
Nachhaltigkeitsprobleme an außerschulischen Lernorten fördern: Konzeption und
Evaluation didaktischer Aufgabentypen im Projekt ExpeditioN Stadt. In A. Rempfler, R.
Grob, M. Landtwing Blaser & U. Schönauer (Hrsg.), Komplexität und systemisches
Denken im Geographieunterricht. Ausgewählte Tagungsbeiträge zum HGD-Symposium
2022 in Luzern (S. 67–85). Hochschulverband für Geographiedidaktik (HGD).


Lude, A., Schaal, S., Bullinger, M., & Bleck, S. (2013). Mobiles, ortsbezogenes Lernen in der
Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Schneider Verlag Hohengehren.
http://deposit.dnb.de/cgi-bin/dokserv?id=4178163&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm


Puentedura, R. R. (2016). The impact of the SAMR model.
https://www.commonsense.org/education/videos/ruben-puentedura-on-the-impact-of-the-
samr-mode

Robert Bosch Stiftung. (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Lehrkräfte.
Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen.


Schürmann, L., Kirchner-Krath, J., & Korflesch, H. (2024). Gamification. In M. Ernst-
Heidenreich, C. Quaiser-Pohl, F. Sorajewski & A. Werger (Hrsg.), Digitalisierung in der
Schule. Ein Praxisbuch zu Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen (1. Aufl., S.
82–97). Juventa Verlag.


Sonnenburg, N. (2023). Gute Aufgaben im digitalgestützten Unterricht. Pädagogik, (7–8),
40–44.


Sung, E., & Mayer, R. E. (2013). Online multimedia learning with mobile devices and
desktop computers: An experimental test of Clark’s methods-not-media hypothesis.
Computers in Human Behavior, 29(3), 639–647.


Wilke, A. (2022). Das SAMR-Modell von Puentedura (Update).
https://adrianwilke.de/web/samr/


Zumbach, J. (2021). Digitales Lehren und Lernen (1. Aufl.). W. Kohlhammer.
https://doi.org/10.17433/978-3-17-036572-8

Die Szenario-Methode und die Zukunftsboxen als Werkzeuge der BNE

Von Jutta Nikel

Wie ernähren wir uns in Zukunft? Wie sieht die Mobilität der Zukunft auf? Wie wollen und werden wir die Städte der Zukunft gestalten? Mit der Szenario-Methode können solche Zukünfte in den Blick genommen werden. Durch

Experimente für die MINT-Fächer zum Klimawandel

Von Elena Meister & Felix Nell

Wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich MINT tragen zum technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt bei. Ein grundlegendes Verständnis für den Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung ist daher für alle Menschen von Bedeutung. Der Experimentierkompetenz kommt dabei eine zentrale

Eine ganze afrikanische Flusslandschaft in den eigenen vier Wänden? Mit WWF Free Rivers geht das! Mithilfe der kostenlosen App kann der Lauf eines Flusses von der Entstehung der Wolken, über den ersten Regentropfen bis ins