Wie ernähren wir uns in Zukunft? Wie sieht die Mobilität der Zukunft auf? Wie wollen und werden wir die Städte der Zukunft gestalten? Mit der Szenario-Methode können solche Zukünfte in den Blick genommen werden. Durch eine gezielt analytische, kritische, konstruktive und kreative Auseinandersetzung mit Unsicherheiten kann die Resilienz von Schüler*innen gestärkt werden. Sie lernen, dass sie Zukunft mitdenken und mitgestalten können.
Die Szenariotechnik ist eine in der Wissenschaft und Politikberatung bekannte und regelmäßig angewandte Methode. Sie zielt darauf ab, mögliche Zukünfte gesellschaftlicher Entwicklungsbereiche durch die Kombination unterschiedlicher Trends, wie beispielsweise in Ernährung, Mobilität oder Stadtentwicklung, zu untersuchen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sieht die Szenario-Methode neben Zukunftswerkstatt und Denkspielen („Was wäre wenn…?) als geeignetes Instrument, mit dem sich Lernende bewusst mit verschiedenen Zukünften auseinandersetzen können. Denn BNE orientiert sich am Entwickeln von Zukunftsvisionen als wichtiges Prinzip für Unterricht und Gestaltung (vgl. Künzli, 2006: 46). Durch die Szenario-Methode werden Lernende befähigt, „vorausschauend zu denken und selbständig Strategien für die Bewältigung langfristiger Herausforderungen zu entwickeln“ (Kern & Espinoza, 2026: 474). Gleichzeitig wird durch diesen methodischen Zugang Gelegenheit für Diskussionen über institutionelle und gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen sowie für die Erprobung von Aushandlungsprozessen in Entscheidungsfindungsprozessen geschaffen. Bei der Planung von Lehr-Lernsituationen im Unterricht und im Schulleben spielen dabei folgende Fragen eine Rolle: Wird die Zukunft in den Überlegungen berücksichtigt? Wird die Gegenwart aus einer Zukunftsperspektive betrachtet? Können Schülerinnen und Schüler Visionen eines nachhaltigen Lebens in der Zukunft entwickeln? Werden Zukunftsentwürfe mit dem derzeitigen Handeln verknüpft? (vgl. de Haan, 2007)
Je nach Zeitbudget, kann mit Material gearbeitet werden, in welchem sich ausgearbeitete Szenarien und Trends befinden oder die zukunftsbezogene Frage, die mit Szenarien untersucht wird, wird von den Lernenden selbst vorgeschlagen und bearbeitet. In beiden Fällen, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung, bringt die Szenario-Methode Fachwissen und kausales Denken mit Vorstellungskraft und Kreativität zusammen. Lernende sind zunächst stärker kognitiv gefordert, indem sie zu einer konkreten Ausgangsfrage in Teams gemeinsam vier qualitativ unterschiedliche, aber plausible Zukunftsszenarien betrachten bzw. diese selbst entwickeln. Anschließend reflektieren die Lernenden ihre eigenen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in diesen möglichen Zukünften (vgl. Kern & Espinoza, 2026) 2025). Auf diese Weise werden Lernende befähigt, eigene Visionen zu entwickeln und sich damit auseinandersetzen, indem sie Gelegenheit erhalten, „sich reaktives (kritisches, analytisches) und proaktives (kreatives, konstruktives) Denken anzueignen“ (vgl. Künzli. 2006).

Die Szenario Methode in sieben Phasen
Entwickeln Lernende die Szenarien selbst, so bietet sich die Sieben-Phasen-Abfolge an (angelehnt an Golüke, in Kern & Espinoza, 2026):
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- Im Mittelpunkt der ersten Phase steht eine von der Lehrkraft vorgegebene, offene und zukunftsbezogene Frage, die für die Lerngruppe relevant und teilweise beeinflussbar ist, z.B. Wie sehen die Mobilitätsgewohnheiten in 20 Jahren aus? Wie entwickelt sich die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum in unserer Stadt in den nächsten 15 Jahren wenn sich Trends bei Arbeitsmarkt, Verkehrsinfrastruktur und Klimaschutz fortsetzen? Welche Auswirkungen hätten unterschiedliche Zukunftsszenarien (optimistisch, realistisch, pessimistisch) auf die Lernbedingungen an unserer Schule in den nächsten 10 Jahren im Sinne von BNE?
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- In Phase 2 sammelt die Lerngruppe vielfältige Informationen, Ideen, Visionen, Sorgen und Erwartungen mit Bezug auf die Fragestellung – idealerweise durch Interviews, alternativ auf Basis ihres im vorhergehenden Unterrichtsverlaufs erworbenen thematischen Vorwissens.
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- In Phase 3 folgt die Auswertung, bei der die Lernenden Kernaussagen der Interviewpartner*in oder aus dem erarbeiteten Vorwissen stichwortartig auf Haftnotizen im Plenum bündeln, clustern und mit 8–15 treffenden Oberbegriffen überschreiben.
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- Darauf folgt in Phase 4 die Identifikation der zwei wichtigsten, voneinander möglichst unabhängigen Unsicherheiten, indem Einflussfaktoren nach Wichtigkeit und Unsicherheit geordnet und sichere, aber wichtige Faktoren als „Gewissheiten“ vermerkt werden (z.B. technischer Fortschritt, Digitalisierung, staatliche Maßnahmen). Für die beiden Unsicherheiten werden je zwei prägnante Extremausprägungen benannt und als Achsenkreuz eingetragen, dessen vier Quadranten das Spielfeld für je ein plausibles Zukunftsszenario bilden.
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- In Gruppen entwickeln die Lernenden in Phase 5 pro Quadrant eine Plotline vom Heute bis zum definierten Endpunkt (z. B. im Jahr 2040), skizziert über etwa fünf gesellschaftlich relevante Ereignisse, die mit den Achsen zusammenhängen.
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- In Phase 6 entwickeln die Gruppen zu jedem der vier Szenarien eine fiktive Hauptfigur, die von der Gegenwart in die Zukunft begleitet wird. Die Geschichten sollen kausal stimmig sein, zeigen Erleben, Handeln und möglichen Einfluss der Figur und erhalten einen prägnanten Titel.
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- Final geht es darum die Szenarien zur Kompetenzentwicklung zu nutzen: Zunächst wird danach gefragt, wie Lernende „sich angesichts der vier möglichen Szenarien gut auf die Zukunft vorbereiten können“, z. B. mittels Fragen danach „welche meiner aktuell geplanten eigenen Entscheidungen könnten sich im jeweiligen Szenario als gut oder als schlecht herausstellen?“ Oder danach, „welche weiteren Entscheidungsmöglichkeiten habe ich, die sich in allen vier Zukünften als vorteilhaft erweisen könnten?“ (Kern & Espinoza, 2026: 477).
Die Zukunftsbox als „ready to use“ Material
In den vergangenen zehn Jahren wurde neben didaktisch-methodischen Ausarbeitungen der Szenario-Methode an der Bereitstellung von Material für den Unterrichtseinsatz gearbeitet. Mittlerweile sind in der Zusammenarbeit der Organisation Futurium mit dem gemeinnützigen Unternehmen Education Innovation Lab zahlreiche, sogenannteZukunftsboxen entstanden. Diese Boxen richten sich primär an Schüler*innen der Klassen 7 bis 10, eignen sich aber auch für Workshops mit Erwachsenen. Sie sind vielseitig im Unterricht einsetzbar und können als Impulsgeber fürs Nachdenken über Zukunft in 15 Minuten-Phasen eingesetzt werden, ebenso wie in einer einwöchigen Projektwerkstatt. Je eine andere Zukunftsbox lädt zum Erkunden der Zukunft in den gesellschaftlichen Bereichen Ernährung, Energie, Arbeit, Gesundheit und Mobilität ein. Andere Zukunftsboxen beschäftigen sich mit der Zukunft der Städte und der Demokratie. Weitere Boxen entstanden angelehnt an dieses Material an anderer Stelle zu den Themen Tourismus (PH Tirol) und Meere (i.Z. mit Deutschen Allianz für Meeresforschung).
In jeder Zukunftsbox finden sich die jeweils leitende Fragestellung sowie ein Kartenset. Der Zukunftsbox „Städte“ vorangestellt findet sich die zentrale Frage „Wie wollen und werden wir die Städte der Zukunft gestalten?“ und die folgenden weiteren leitenden Fragestellungen:
• Wo werden in Zukunft neue Städte gebaut?
• Wie können Städte das Klima schützen?
• Wie können wir es schaffen, dass unsere Wünsche und Ideen von der Stadtpolitik berücksichtigt werden?
• Kann man in allen Städten auf der Welt gleich gut leben?
Diese Fragen machen deutlich, welche Aspekte in der Stadtplanung der Zukunft eine Rolle spielen, sind aber auch sinnbildlich für die Bedeutung von partizipativen Elementen und der (Mit-)Gestaltungsidee in der BNE. Es finden sich nun Karten im Set, die auf die obigen Fragen unterschiedliche alternative Antworten geben. Ergänzt werden diese Trendkarten um sogenannte Megatrendkarten, Wildcards, Blickwinkelkarten sowie Impulskarten, die eine strukturierte Auseinandersetzung mit der zentralen Frage im Sinne der Szenario-Methode ermöglichen. Durch die Arbeit in Kleingruppen mit dem Set der Zunftsbox „Städte“ soll es Lernenden ermöglicht werden, „Handlungen, Zukunftswünsche und Abneigungen im Thema kritisch zu betrachten“ sowie zu „erforschen, welche positiven und negativen Folgen heutige Handlungen und Entscheidungen für die Zukunft der Städte haben könnten“ (futurium, n.d.). Eine Stärke des Kartensets sind die aussagekräftigen Fotografien, die sich auf der Vorderseite jeder Karte finden und unmittelbar zum Kommentieren und Diskutieren anregen.
Megatrendkarten
sind bereits absehbare Entwicklungen, die unsere Welt sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten beeinflussen werden.




Trendkarten
geben Beispiele für mögliche alternative zukünftige Entwicklungen in einem konkreten Themenfeld. Hier das Feld Ernährung.
Wie werden Nahrungsmittel in Zukunft hergestellt?




Die Abbildungen stammen alle aus der Zukunftsbox „Ernährung“. Diese stehen wie alle Zukunftsboxen auf der Webseite des Futuriums zum Download zur Verfügung: https://futurium.de/de/zukunftsbox
Und für den Primarbereich?
Gleichwohl die Szenario-Methode als BNE Lernmethode vorwiegend dem Sekundarbereich zugeordnet wird, kann auch in der Primarstufe der „Blick auf Zukünfte“ gerichtet werden. Die Zukunftsboxen Meere (Wie sehen unsere Meere von morgen aus?) und Ernährung (Wie sieht die Ernährung der Zukunft aus?) bieten hier sachunterrichtliche Anknüpfungspunkte. So richtet sich mit der Szenario-Methode der Blick vom spontanen „Was wäre wenn…?“ zum „Was machen wir jetzt damit?“.
Ob Zukunftsbox im Klassenraum, Stadt der Zukunft oder Meere von morgen – Lernende erleben, dass Zukunft nicht bloß auf sie zukommt, sondern von ihnen mitgestaltet wird. Wenn Fachwissen, kritisches Denken und kreative Vorstellungskraft zusammenfinden, entsteht BNE, die aus Unterricht ein Zukunftslabor macht. Und vielleicht beginnt genau hier die Einsicht: Das positive Extrem-Szenario (best-case-scenario) schreiben wir nicht nur auf – wir fangen an, an seiner Verwirklichung mitzuarbeiten.
Literatur
Haan de, G. (2008) Gestaltungskompetenz als Kompetenzkonzept der Bildung für
nachhaltige Entwicklung, in: Bormann, I. & Haan de, G. (Hrsg.)(2008) Kompetenzen der
Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wiesbaden: VS Verlag. S.23-43.
Futurium (n.d.) Zukunftsboxen. Abrufbar unter: https://futurium.de/de/zukunftsbox
Abgerufen am: 24.3.2026
Futurium (n.d.) Zukunftsbox Meere. Abrufbar
unter: https://futurium.de/de/presse/zukunftsbox-meere-ein-spielerischer-blick-in-die-
zukunft (abgerufen am 25.3.2026)
Futurium (2018) Zukunft entdecken, und gestalten. Zukunft entdecken und gestalten –
Leitfaden zum Einsatz der Zukunftsbox in der Schule. Abrufbar
unter: https://cloud.futurium.info/s/3PDcEwg8Eryf9D2?dir=/&editing=false&openfile=true
(abgerufen am 25.3.2026)
Golüke, U. (2016) Scenarios – How to create them and Why you should. Norderstedt:Books
on Demand.
Kern, A. & Espinoza, F. (2026) Die Zukunft erkunden und gestalten mit der Szenario-
Methode. In: Carrapatoso, A. u.a. (2026) Handbuch Bildung für nachhaltige
Entwicklung. Utb, S. 474-478
Künzli, C. (2006) Didaktisches Konzept. Bildung für eine nachhaltige
Entwicklung. Arbeitspapier Nr. 1 aus dem Forschungsprojekt des Nationalfonds (Nr. 1114-
063780) und der Lehrerinnen- und Lehrerbildung Bern (Nr. 0201s004): „Bildung für eine
nachhaltige Entwicklung: Didaktische Konzeption und Umsetzung in die Schulpraxis“.
Abrufbar unter: https://forschungsnetzwerk.ams.at/dam/jcr:ac8c62bb-d5b3-47d5-82f4-
df4f6d6becdc/Didaktisches_Konzept_BNE.pdf (abgerufen am 25.3.2026)
Pädagogische Hochschule (PH) Tirol (n.D.) Zukunftsbox Tourismus. Abrufbar
unter: https://ph-tirol.ac.at/zukunftsbox-tourismus (abgerufen am 25.3.2026)
Ergänzend:
ZSL Ba Wü (n.d.) Szenario. Abrufbar unter: https://lehrerfortbildung-
bw.de/st_kompetenzen/weiteres/projekt/projektkompetenz/methoden_a_z/szenario/ (abge
rufen am 25.3.2026)