Im Gespräch

mit Johanna Gans-Raschke und Moritz Hellweg vom Freiburger Bildungsmanagement

Von Astrid Carrapatoso & Jutta Nikel

Könntet Ihr kurz beschreiben, wer Ihr seid und was Ihr macht?

Johanna Gans-Raschke: Wir arbeiten im kommunalen Bildungsmanagement der Stadt Freiburg und beschäftigen uns strategisch mit der Entwicklung der lokalen Bildungslandschaft. Einer unserer Schwerpunkte ist Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Unsere Aufgabe ist es, Akteur*innen aus Verwaltung, Schulen, Kitas, Zivilgesellschaft, Vereinen, Stiftungen und außerschulischer Bildung zu vernetzen und gemeinsam Bildungsangebote weiterzuentwickeln.

Dabei übernehmen wir eine koordinierende und strategische Rolle: Wir fördern Projekte, schaffen Austauschstrukturen und tragen dazu bei, BNE  kommunal zu verankern. Ein zentrales Ziel ist es, Menschen aller Altersgruppen nachhaltiges Denken und Handeln in globaler Verantwortung zu ermöglichen. 

Wie würdet Ihr die aktuelle BNE-Bildungslandschaft beschreiben? Was zeichnet Freiburg hier besonders aus?

Moritz Hellweg: Die Freiburger BNE-Landschaft ist sehr vielfältig, stark vernetzt und durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Bildungseinrichtungen und Zivilgesellschaft geprägt. Angebote existieren entlang der gesamten Bildungsbiografie – von der frühkindlichen Bildung bis zur Erwachsenenbildung. Diese Breite an Angeboten und engagierten Akteur*innen zeichnet Freiburg besonders aus. Konkret fördert die Stadt diese Vielfalt unter anderem durch den BNE-Fonds. Die Besonderheit: Die Projekte müssen einerseits von mindestens zwei – lieber aber von noch mehr – Projektpartner*innen zusammen entwickelt worden sein und sollen mehrere Dimensionen der Nachhaltigkeit beleuchten. In den Projektanträgen sieht man deutlich, wie vielfältig BNE-Bildung sein kann: Umwelt-, Bildungs- und Kulturvereine, Schulen, Hochschulen und außerschulische Lernorte entwickeln kooperativ Projekte, die eine große Breite von Zielgruppen ansprechen. Über strukturierte Vernetzungsformate wie das „Netzwerk Nachhaltigkeit lernen“ können sich die Anbieter*innen von BNE-Formaten miteinander austauschen, ihre Veranstaltungen und Zielsetzungen koordinieren und sich fachlich weiterbilden.

Über die digitale Plattform WIZZN werden Lernorte und Bildungsangebote in Freiburg und Umgebung sichtbar. Dort können insbesondere Schulen in einer Fülle von aktuell über 200 Angeboten, die sich nach Themenbereich, SDG, Format, usw. filtern lassen, stöbern und Kontakt zu den Veranstalter*innen aufnehmen.

Wie kann eine Stadt Schulen bei der gesamtschulischen Umsetzung von BNE (Whole School Ansatz)  unterstützen?

Johanna Gans-Raschke: Eine Kommune kann Schulen vor allem durch die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen, Vernetzung und Begleitung stärken. Hierbei sind die Bereiche Lernen, Vernetzung, Partizipation, Professionalisierung und die Schulträgerschaft wichtige Ansatzpunkte. Im Bereich Lernen geht es beispielsweise darum, Schulen dabei zu unterstützen, neue Bildungspartnerschaften einzugehen oder sich Netzwerken anzuschließen. Dazu zählt zum Beispiel das Projekt „Naturpark-Schule“, bei dem die Schule eine dauerhafte Kooperation mit dem Naturpark Südschwarzwald eingeht. Oder die Initiative „FREI DAY“ von Schule im Aufbruch (SiA), die Schulen ermutigt,  konkrete Freiräume zu schaffen, in denen Kinder und Jugendliche klassen- und jahrgangsübergreifend ihre eigenen Projektideen in die Tat umsetzen. Zudem unterstützen wir Beteiligungsformate für Schüler*innen. Die Stadt Freiburg ist Schulträger vieler Schulen, das heißt  in der Verantwortung für das Schulgebäude, den Schulhof und die Ausstattung der Schule.  Bei Gebäuden kann die Stadt beispielsweise durch Solaranlagen, Dämmung oder Dachbegrünung zum Klimaschutz beitragen. Auf dem Schulhof spielen Themen wie natürlicher Schatten durch das Pflanzen von Bäumen, Biodiversität aber auch die Möglichkeit von Schulgärten eine Rolle. So können  Lern- und Wohlfühlorte entstehen.   Auch in der Ausstattung und Raumgestaltung der Schule kann einiges bewirkt werden: Moderne Lernumgebungen können beispielsweise Inklusion und Zusammenarbeit in kleinen Gruppen fördern oder zum selbstständigen Lernen und Experimentieren einladen. Hier kann Partizipation konkret gefördert und gelebt werden, indem Schüler*innen und auch Lehrkräfte frühzeitig einbezogen werden und an der Entwicklung von Ideen und Konzepten beteiligt werden. Auch in der Organisation der Verpflegung am Mittag und der Ausgestaltung des Ganztags ist die Stadt involviert und kann die Umsetzung von BNE unterstützen. 

Wie können wir uns die Bereiche Professionalisierung und Vernetzung vorstellen?

Moritz Hellweg: Das kontinuierliche Fort- und Weiterbilden in BNE sehen wir als zentralen Baustein für eine gelingende Umsetzung von BNE in der Bildungspraxis. Daher bieten wir hier entsprechende Formate an.  Ein Beispiel ist das Programm „Freiburger Forschungsräume“, in dem unter anderem Pädagog*innen darin qualifiziert werden, eine forschend‑dialogische Haltung einzunehmen. Dazu gehört  die Fähigkeit, Lernprozesse an den Erfahrungen der Schüler*innen auszurichten, Freiräume fürs Entdecken zu schaffen, Sprache gezielt zu fördern und BNE‑Themen praxisnah in Unterricht und Schulalltag zu integrieren.

Wir bringen Schulen, NGOs, Wissenschaft und Verwaltung zusammen und bieten Austauschplattformen an, organisieren Netzwerke. Dabei übernehmen wir weniger eine inhaltliche Steuerung als eine ermöglichende und koordinierende Rolle. 

Welche Erkenntnisse brachte der Freiburger Bildungsbericht 2022 mit dem Schwerpunkt BNE und welche Maßnahmen entstanden daraus?

Johanna Gans-Raschke: Der Freiburger Bildungsbericht 2022 zeigte, dass BNE bereits an vielen Stellen vorhanden ist, jedoch unterschiedlich stark verankert und oft projektbezogen umgesetzt wird. Eine zentrale Erkenntnis war daher die Notwendigkeit, BNE stärker strukturell und langfristig in Bildungsinstitutionen zu integrieren. Daraus ergaben sich für uns bestimmte strategische Entwicklungsrichtungen: stärkere kommunale Koordination von BNE, Ausbau von Vernetzungsstrukturen, bessere Sichtbarkeit vorhandener Angebote, Förderung innovativer Projekte über Förderinstrumente und stärkere Unterstützung von Schulen bei der Umsetzung.

Wie stärkt man BNE integrativ angesichts aktueller Herausforderungen für Schulen?

Moritz Hellweg: BNE wird in Freiburg bewusst nicht als Zusatzaufgabe, sondern als verbindendes Bildungsprinzip verstanden. Gerade bei Themen wie Demokratiebildung, Teilhabe, psychosoziale Herausforderungen oder Schulabsentismus bietet BNE einen integrativen Rahmen, weil sie Kompetenzen wie Mitgestaltung, Zukunftsorientierung, Verantwortungsübernahme und Zusammenarbeit stärkt.

Wie wichtig ist die Vernetzung mit anderen Kommunen?

Johanna Gans-Raschke: Die Vernetzung mit anderen Städten ist für uns zentral, weil viele Herausforderungen ähnlich sind. Der Austausch ermöglicht uns gegenseitiges Lernen aus Praxisbeispielen, gemeinsame Qualitätsentwicklung, schnelleres Verbreiten erfolgreicher Ansätze.

Freiburg steht als BNE-Modellkommune im Austausch mit überregionalen Netzwerken und bringt eigene Erfahrungen ein.  

Was möchtet ihr Schulleitungen und Lehrkräften mitgeben?

Johanna Gans-Raschke: BNE muss nicht zusätzlich „oben drauf“ kommen – vieles ist bereits vorhanden. Entscheidend ist, vorhandene Aktivitäten sichtbar zu machen und miteinander zu verbinden.

Hilfreich sind kleine, realistische Einstiegsschritte, Arbeit im Team statt Einzelengagement, Nutzung externer Partner, Offenheit für neue Lernformen und Perspektiven gemeinsam entwickeln. Der Whole School Approach entsteht oft aus vielen kleinen Veränderungen, die langfristig Wirkung entfalten.

Was würdet ihr jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Moritz Hellweg: Engagement beginnt im Kleinen. Wichtig ist sich mit anderen zu vernetzen, eigene Themen ernst zu nehmen, lokale Möglichkeiten zu nutzen und Räume für Mitgestaltung aktiv einzufordern. In Freiburg gibt es viele Initiativen und Lernorte, die zeigen, dass Veränderung gemeinsam möglich ist. Und es gibt viele Möglichkeiten, die eigenen Ideen und Überzeugungen einzubringen: sei es in schulischen Projekten, der SMV oder in dem seit diesem Jahr neuen Beteiligungsformat Speak UP, welches Kinder und Jugendlichen ermöglicht ihre Anliegen direkt in der Sitzung des Kinder- und Jugendhilfeausschusses einzubringen. Denn Bildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet vor allem, Zukunft nicht nur zu diskutieren, sondern sie aktiv mitzugestalten.

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