Achim Beule ist stellvertretender Referatsleiter für „schulartübergreifende Bildungsaufgaben, Beratungsgremien“ des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg. Er engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für das Bildungskonzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in Baden-Württemberg und hat dabei zahlreiche Initiativen und Projekte unterstützt. In einem Interview gibt er uns Einblicke in seine persönlichen Erfahrungen und die Entwicklung der BNE.
Was ist Ihr persönlicher Bezug zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und seit wann engagieren Sie sich in diesem Bereich?
Mein Engagement für (B)NE begann in den späten 1990er Jahren, als ich als Lehrkraft an einem Oberstufenzentrum in Brandenburg tätig war. Schon damals habe ich mich intensiv mit dem Schwerpunktthema „Nachhaltiges Wirtschaften“ im Bereich der Fachoberschule „Wirtschaft und Verwaltung“ auseinandergesetzt und war in diesem Zusammenhang auch als Fortbildner am Pädagogischen Landesinstitut Brandenburg (PILB) tätig.
Motiviert durch dieses Engagement habe ich um die Jahrtausendwende dieses Interesse durch ein Weiterbildungsstudium im Bereich Umwelt- und Qualitätsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin vertieft. Zu dieser Zeit gab es bundesweit keine Bildungsangebote im Bereich BNE. Die Erkenntnisse aus diesem Studium habe ich direkt in meine pädagogische Arbeit integriert, was sich auch in meiner Abschlussarbeit über die Einführung eines Umweltmanagementsystems an meiner damaligen Schule widerspiegelt.
Mein Zugang zu BNE war rückblickend weniger durch klassische Natur- und Umweltbildung oder das Globale Lernen geprägt, sondern vielmehr durch die ökonomische und volkswirtschaftliche Perspektive. Schon während meiner Referendarsausbildung in den 1990er Jahren habe ich mich für ganzheitliches Denken, das Verständnis für systemische Zusammenhänge und die Analyse von Abhängigkeiten und Dilemmata interessiert. Diese Herangehensweise war für mich zentral – stellte jedoch eine Herausforderung dar, sowohl für mich als auch für meine Ausbilder.
Als Lehrkraft war es mir stets ein Anliegen, meinen Schülerinnen und Schülern ein tiefes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge nachhaltiger Entwicklung zu ermöglichen. Dabei lag mein Fokus darauf, kritisches Denken zu fördern, zur Reflexion anzuregen und den Mut zu wecken, alternative Ansätze zu erkunden – immer mit der Aufforderung, zu bedenken, dass „es auch anders gehen könnte“.
Was sind Ihre Aufgaben im Ministerium im Bereich BNE?
Mein Engagement für BNE erstreckt sich inzwischen über fast 30 Jahre. Seit etwa 20 Jahren setze ich mich intensiv in Baden-Württemberg dafür ein, BNE als grundlegende und selbstverständliche Bildungsaufgabe zu etablieren. Diese Arbeit ist sowohl spannend als auch herausfordernd, da sie die Schaffung vielfältiger Handlungs- und Möglichkeitsräume erfordert. Dafür sind enge Kooperationen und der Aufbau von Netzwerkstrukturen notwendig, die institutionelle und thematische Grenzen überschreiten. Im Ministerium liegt mein Schwerpunkt auf der systematischen Integration von BNE in alle Bereiche der formalen und non-formalen Bildung. Dabei arbeite ich eng mit anderen Ressorts und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen, um BNE als übergreifendes und interdisziplinäres Bildungskonzept nachhaltig zu verankern.
Auf nationaler Ebene war und bin ich in vielfältiger Weise engagiert. Mein Ziel ist es, vielfältige Handlungs- und Möglichkeitsräume zu eröffnen, um BNE systematisch in allen Bildungsbereichen zu verankern. Dies umfasst die Förderung von Projekten, den Aufbau von Kooperationen und Netzwerkstrukturen in Kindertagesstätten, Schulen, der Lehrkräftebildung und Hochschulen sowie die Förderung einer nachhaltigkeitsorientierten Schulentwicklung.
Wie hat sich die BNE in den letzten Jahrzehnten und seit der Einführung als Leitperspektive entwickelt?
Die Frage nach dem Stand der BNE-Verankerung ist komplex und stark von der jeweiligen Perspektive abhängig. Vor zwanzig Jahren war ich oft als „Prediger“ unterwegs, um BNE bekannt zu machen und Menschen in der Schule und der Lehrkräftebildung zu motivieren, sich intensiver mit nachhaltiger Entwicklung im Bildungskontext auseinanderzusetzen. Obwohl „Umwelterziehung und Nachhaltigkeit“ bereits 2004 im Bildungsplan für die allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg verankert war, stellte die praktische Umsetzung damals eine erhebliche Herausforderung dar.
Heute, nach zwei Jahrzehnten, hat sich in allen Bildungsbereichen – von der Kita bis zur Hochschule – viel verändert. Bewegungen wie „Fridays for Future“ bzw. „Teachers for Future“ haben das Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen deutlich geschärft und die Forderungen nach einer stärkeren Verankerung von BNE verstärkt. Während wir früher die Bedeutung der BNE betonten, werden wir heute zunehmend aufgefordert, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Umsetzung weiter voranzutreiben. Lassen Sie mich konkreter werden: Aus meiner subjektiven Erfahrung heraus sehe ich einige zentrale Herausforderungen, die weiterhin angegangen werden müssen. Es ist weiterhin unerlässlich, fächerübergreifendes und selbstbestimmtes Lernen zu fördern und gleichzeitig ausreichend Ressourcen bereitzustellen. Leider wird BNE noch zu oft als „Add-on“ betrachtet, das als zusätzliche Last empfunden wird, anstatt als integratives Bildungskonzept, das tief in alle Bildungsprozesse eingebettet ist.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, ist eine enge Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren notwendig. BNE steht nicht isoliert, sondern in einem komplexen Geflecht konkurrierender Bildungsaufgaben, und das „Schubladendenken“ behindert oft das Zusammendenken dieser wichtigen Themen. Es gilt, übergreifende Bildungsaufgaben in einem ganzheitlichen Ansatz zusammenzuführen und dabei insbesondere lokale Kooperationen zwischen formellen Bildungseinrichtungen und Akteuren der Nachhaltigkeit zu stärken. Diese Kooperationen haben sich als besonders wirksam erwiesen, insbesondere für Menschen, die Veränderungen skeptisch gegenüberstehen. Ein weiterer entscheidender Faktor für die erfolgreiche Umsetzung von BNE ist der lebensweltliche Handlungsbezug in allen Altersgruppen. Lokale Ansätze tragen wesentlich zur Förderung sozialer Kohärenz und damit zu nachhaltigem Handeln bei.
Nicht zuletzt bleibt die stärkere fächerübergreifende Verankerung von BNE in der Aus- und Fortbildung eine zentrale Herausforderung. Nur durch gemeinsame Anstrengungen und Kooperationen können wir die Erfolge der letzten zwanzig Jahre weiter ausbauen und BNE fest in unserem Bildungssystem verankern.
Was sind Ihre Zukunftsvisionen im Bereich BNE?
Um BNE erfolgreich zu etablieren, müssen bestehende Strukturen gestärkt sowie Netzwerkstrukturen in Schulen, Seminaren, Hochschulen und der Zivilgesellschaft ausgebaut, verstetigt und weiterentwickelt werden. Handlungsmöglichkeiten müssen geschaffen werden, insbesondere durch die Weiterentwicklung von Bildungsplänen, die den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich – wie Demokratiebildung und BNE – stärker in den Fokus rücken.
Darüber hinaus müssen Freiräume für Selbstwirksamkeit geschaffen werden, um fächerübergreifende Projektvorhaben zu ermöglichen, die den Lernenden mehr Eigenverantwortung und aktives Mitgestalten erlauben. Die Wirksamkeit von BNE muss kontinuierlich evaluiert werden, indem Ergebnisse empirischer Bildungsforschung in die pädagogische Praxis integriert werden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der Lehrkräftebildung, damit BNE methodisch und inhaltlich effektiv umgesetzt werden kann. Dies umfasst auch die Einbindung externer Partner sowie die Zertifizierung von Bildungsakteuren im non-formalen Bereich. Schulqualität und BNE müssen gemeinsam gedacht werden, indem der „Whole SystemApproach“ gefördert wird, der eine nachhaltigkeitsorientierte Schulentwicklung ermöglicht, wie es auch in den KMK-Empfehlungen zur „BNE in der Schule“ vorgesehen ist. Entscheidend ist es, eine Kultur des „Einfach Machens“ zu fördern, um Veränderungsbereitschaft zu stärken und den Wandel vor Ort aktiv zu gestalten. Partizipation und Mitgestaltung sind hierbei zentrale Elemente. Schließlich muss BNE als Konzept des lebenslangen Lernens verstanden werden, das von der frühkindlichen Bildung bis zur Hochschulbildung reicht.
Welche Fragestellungen und Aufgaben sehen Sie für die Bildungsforschung im Bereich BNE?
Im Kontext der BNE gibt es viele spannende Forschungsaufgaben, die zur Weiterentwicklung und Optimierung von BNE beitragen können. Dazu gehören die Wirksamkeitsforschung von BNE-Maßnahmen, die Analyse von Lernprozessen und der Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen sowie die Anpassung von BNE an verschiedene Zielgruppen.
Die Rolle der Lehrkräfte und deren Aus- und Fortbildung sind ebenfalls zentrale Forschungsfelder. Darüber hinaus bieten die Herausforderungen und Potenziale interdisziplinärer Ansätze und die langfristigen Effekte von BNE auf nachhaltige Lebensweisen wichtige Anknüpfungspunkte für die Forschung. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Wissenschaftskommunikation. Der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Basis der Lehrkräfte ist von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass Forschungsergebnisse in der Praxis Anwendung finden. Aktuell wird dieser Aspekt jedoch noch unzureichend berücksichtigt. Ein verstärkter Fokus auf die Kommunikation und Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die pädagogische Praxis ist notwendig, um die Wirksamkeit von BNE langfristig zu steigern.
Diese Themen sind entscheidend für die Verbesserung von BNE und liefern wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung zukunftsfähiger Bildungssysteme, die auf die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagieren können.
