Für die Tonne?

Fast Fashion als Thema der Klimabildung

Wer kennt sie nicht, die Versuchung des Neuen? Im Schaufenster blitzt das günstige T-Shirt, online locken Rabatte. Doch was steckt hinter der scheinbar endlosen Auswahl an modischer Vielfalt? Ein Blick auf die Fakten zur Fast Fashion offenbart: Unsere Garderobe ist längst zu einem Spiegel globaler Herausforderungen geworden.
Von Anne-Marie Grundmeier

Aktuell zielt unser Modesystem darauf ab, Konsument*innen unter anderem durch die strategische Verkürzung der Lebensdauer von Kleidungsstücken zum immer schnelleren Kauf neuer Produkte zu animieren. Fast Fashion und Ultra Fast Fashion zeichnen sich durch extrem kurze Produktionszyklen und eine hohe Kollektionsfrequenz aus. Die Entwicklung hin zu Ultra Fast Fashion hat in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Aufschwung erlebt, in dem vor allem chinesische Online-Händler wie Shein über noch schnellere Produktzyklen verfügen. Daraus resultiert ein Überangebot an günstiger Kleidung, die im Durchschnitt nur wenige Male und zum Teil gar nicht getragen wird. Schätzungen zufolge wurden im Jahr 2023 zwischen 2,5 und 5 Milliarden Kleidungsstücke überproduziert (Amed et al., 2025). Die erhöhte Erschwinglichkeit und Zugäng-lichkeit haben dazu geführt, dass viele Konsument*innen Mode als Wegwerfprodukt betrachten, mit der Folge wachsender Altkleidermengen. Bis 2030 wird ein Anstieg des Konsums von Bekleidung und Schuhen um 63 % auf 102 Millionen Tonnen erwartet; bei dieser Entwicklung würde die Modeindustrie bis 2050 mehr als ein Viertel des weltweiten Kohlenstoffbudgets ausmachen (Amed et al., 2025).

Einfluss auf das Klima

Während vor allem die Umweltverschmutzung, der Wasserverbrauch, die Altkleiderberge und ausbeuterische Arbeitspraktiken diskutiert werden, ist der schädliche Einfluss auf das Klima aufgrund des dramatischen Anstieges der Faserproduktion und dem damit korrelierenden Mehrverbrauch an Energie entlang der gesamten Wertschöpfungskette den meisten Verbraucher*innen nicht bewusst. Die globale Produktion hat sich seit der Millenniums-wende mehr als verdoppelt und erreichte im Jahr 2023 einen Rekordwert von 124 Millionen Tonnen; Prognosen zufolge könnte dieser Aufwärtstrend bis 2030 auf 160 Millionen Tonnen ansteigen, sollte sich diese Ent-wicklung fortsetzen (Textile Exchange, 2024). 

Die Wertschöpfungskette der in der EU verbrauchten Textilerzeugnisse verursachte im Jahr 2022 Treibhausgasemissionen von insgesamt 159 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten (Manshoven et al., 2025). Diese liegen gemäß einer Studie der Fashion Revolution CIC (2025) bei etwa 2 % der weltweiten Emissionen und werden trotz bestehender Klimaziele weiter ansteigen. Die meisten großen Modemarken (97 %) legten in dieser Studie nicht offen, welche Brennstoffe in ihren Lieferketten zum Einsatz kommen.

Synthetische Fasern, die in Kleidung verwendet werden, machen derzeit 1,35 % des glo-balen Erdölverbrauchs aus, bis zum Jahr 2030 könnten fast drei Viertel (73 %) aller Textilien auf Erdölbasis hergestellt werden, was einen weiteren Anstieg des Verbrauchs nicht-regenerierbarer Ressourcen mit den entsprechenden Umwelt- und Klimafolgen nach sich ziehen wird (Fashion Revolution, 2025). Insbesondere Textilveredelungs-prozesse tragen erheblich zum CO₂-Fußabdruck der Textil- und Modeindustrie bei, da große Mengen an heißem Wasser und Dampf erforderlich sind, die üblicherweise durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugt werden. Der überwiegende Teil, der von der Textil- und Modebranche weltweit erzeugten rund 1,1 Mrd. t CO₂-Äquivalente entsteht außerhalb Europas (Fashion Revolution, 2025), hauptsächlich in den großen Produktionsstätten in Asien.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Lieferketten der Modeindustrie sind spürbar: Zyklen von Dürre, Hitze und starken Regenfällen werden unvorhersehbarer und schwerwiegender, was zu Hunger, Krankheiten und Vertreibung führt. Wichtige Produktionsstandorte wie Bangladesch, Indien, Pakistan, Äthiopien, Brasilien und die Türkei sind besonders anfällig für diese Klimarisiken. Extreme Wetterereignisse bedrohen die Naturfasergewinnung wie den Baumwollanbau und können bis zum Jahr 2030 zum Verlust von 80 Millionen Arbeitsplätzen im Textil- und Modesektor führen (Fashion Revolution, 2025). 

Service Learning

Service Learning kombiniert akademisches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement. Diese pädagogische Methode ermöglicht es Lernenden, theoretisches Wissen durch die Bearbeitung realer Projekte anzuwenden. Durch aktive Zusammenarbeit mit Partner*innen lernen sie, soziale Probleme zu verstehen und Lösungen zu entwickeln. Im Projekt TexUnite wird Service Learning im Kontext nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen des Mode- und Textilsektors auf europäischer Ebene projektorientiert mit Studierenden in fünf Partnerländern erprobt (https://texunite.eu).  

Von Fast Fashion zu Kreislaufwirtschaft

Diese Entwicklung hat zu einer wachsenden Forderung nach einer nachhaltigen Transformation des Textil- und Modesektors geführt und wird maßgeblich durch politische Rahmenbedingungen vorangetrieben, allen voran durch die EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien. Diese zielt darauf, die textilen Wertschöpfungsketten durch ein umweltverträgliches Design, entsprechende Rohstoffauswahl und Kreislaufführung von Materialien in Richtung Kreislaufwirtschaft zu transformieren, und adressiert zentrale Umwelt- und Klimaprobleme sowie ausbeuterische Arbeitsbedingungen entlang globaler Lieferketten. 

Das Kreislaufsystem Kleidung wird klimagerechter, wenn wir langlebige, reparierbare und recycelbare Textilien und Bekleidung designen, weniger neu produzieren, mehr wiederverwenden und recyceln, auf umweltverträgliche Materialien und Produktion setzen sowie insgesamt unseren Modekonsum reduzieren und Sharing-Modelle fördern. Die Überproduktion in allen Modegenres gilt als der entscheidende Klimafaktor.

Rolle der Bildung für nachhaltige Entwicklung 

Die erheblichen ökologischen und sozialen Auswirkungen von Fast Fashion und des Modekonsums machen eine schulische Berücksichtigung unerlässlich. Ein Bewusstsein für den gesamten Lebenszyklus von Kleidung und seine Auswirkungen zu schaffen, wird als eine der vielversprechendsten Strategien zur Förderung der Nachhaltigkeit im Modesektor angesehen, da dies das Konsument-*innenverhalten beeinflussen kann. 

Angesichts der Komplexität von Konsumentscheidungen im Kontext der Nachhaltigkeit, die oft keine eindeutigen Lösungen bieten, ist die Förderung der Bewertungskompetenz entscheidend. Diese Kompetenz befähigt Lernende, in komplexen, konsumbezogenen Situationen begründet und systematisch zwischen unterschiedlichen Handlungsoptionen zu entscheiden (Kitzlinger, Bender & Grundmeier, 2022). Die Kultusministerkonferenz (KMK, 2024) hat die Verbraucherbildung, die eng mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verknüpft ist, als verbindlichen Bestandteil der schulischen Lehrpläne etabliert. Im baden-württembergischen Bildungsplan 2016 ist die Entwicklung dieser Kompetenz explizit im Fach „Alltags-kultur, Ernährung, Soziales“ (AES) für die Sekundarstufe I verankert. Dort lernen Schüler*innen kriteriengeleitete Entscheidungen begründet darzulegen. 

Die schulische Bildung sollte durch verschiedene alltags- und lebensweltbezogene didaktische und methodische Ansätze wie beispielsweise Kleiderschrank-studien (engl. wardrobe studies) wie auch nachhaltigkeitsorientiertes Service Learning über die reine Wissensvermittlung hinausgehen und Lernende befähigen, die Auswirkungen ihres Konsumverhaltens auf sich selbst, die Gesellschaft und den Planeten zu erkennen und verantwortungsbewusst zu handeln. Durch reflexive Prozesse sollen sie ein Gefühl der Eigenverantwortung erlangen, das sie befähigt, soziales Verhalten und umweltverträgliche Lösungen zu unterstützen. 

Wardrobe studies

Kleiderschrankstudien sind ein Forschungsansatz, bei dem Menschen über einen bestimmten Zeitraum hinweg systematisch dokumentieren, welche Kleidungsstücke sie besitzen, wie oft sie diese tragen und welche Entscheidungen sie beim Anziehen treffen. Ziel ist es, das Konsumverhalten, die Nutzungsdauer und den tatsächlichen Bedarf an Kleidung besser zu verstehen. So könnte das in den Unterricht integriert werden:

Einstieg: Diskussion: „Wie viele Kleidungsstücke besitze ich?“ oder „Was ist mein Lieblingskleidungsstück und warum?“

Durchführung der Wardrobe Study: Schüler*innen listen ihre Kleidungsstücke auf. Über 2–4 Wochen dokumentieren sie, was getragen wird. Reflexionsfragen: Was wird (nicht) getragen? Warum? Gibt es Lieblingsstücke? Was ist überflüssig?

Handlungsoptionen entwickeln: Was kann jede:r tun? (z .B. Kleidertausch, reparieren, weniger kaufen) Projektideen: Kleidertauschbörsen organisieren, Upcycling-Projekte, Info-Kampagne zur nachhaltigen Mode.

 

Literatur

 

Amed, I., D‘Auria, Bain, M. Balchandani, A., G., Barrelet, D., Baskin, B., Baum, C., Crump, H., Gonzaléz Méndez, P., Grundberg, J., Li, A., Malik, R., Rölkens, F., & Zipser, D. (2024). The State of Fashion 2025. McKinsey Report. https://www.mckinsey.com/industries/retail/our-insights/state-of-fashion, p. 8-24.

Bizjak, M., Pavko Čuden, A., Simončič, B., Bräuning, M., Blaga, M., Kazlacheva, Z., Ertekin, M., Höfer, D., & Grundmeier, A.-M. (2025). TexUnite – ERASMUS+ project on service learning in the field of sustainability in textile and fashion education. In M. Gorjanc, B. Tomšič, H. G. Tomc, & U. V. Brofnjak (Eds.), Crossing Boundaries. 50th International Symposium on Novelties in Textiles (pp. 308-312). University of Ljubljana, Faculty of Natural Sciences and Engineering.

Europäische Kommission (2022). EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX %3A52022DC0141

Fashion Revolution CIC (Ed.). (2025). What Fuels Fashion? (2025 Edition). https://www.fashionrevolution.org/transparency/

Fletcher, K., & Klepp, I. G. (2023). Opening up the wardrobe: A methods book. Novus forlag. https://omp.novus.no/index.php/novus/catalog/book/26

Glomb, M. (2025). Slow Fashion gegen Ungerechtigkeit, Verschwendung und hässliche Kleidung. In B. Zimpelmann, S. A. Wülbers & T. Eichner (Hrsg.), Von Freiwilligkeit zur Verpflichtung. Sozial-ökologische Transformation in den Lieferketten der deutschen Industrie? (S.107-119). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47260-3

Kirschniak, C., Boger, S., Trifonov, S., Haberler-Koenig, A., Burger, F., & Graeber, F. (2024). Fast-Moving Tech— Fast-Paced Fashion. Weaving the Fabric of the Future. Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). https://web-assets.bcg.com/02/34/2017d89443ef83ca6ac42f4f0a06/34123-31-weaving-the-fabric-of-the-future-es.pdf

Manshoven, S., Smeets, A., Maarten, C., Duhoux, T., Lingås, D., Grossi, F., Mortensen, L. F., & Clarke, J. (2025). Textiles and the environment – The role of digital technologies in Europe’s circular economy. https://www.eionet.europa.eu/etcs/etc-ce/products/etc-ce-report-2025-6-textiles-and-the-environment-2013-the-role-of-digital-technologies-in-europe2019s-circular-economy

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. (2016). Gemeinsamer Bildungsplan für die Sekundarstufe I. Alltagskultur, Ernährung, Soziales (AES). http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/AES

Kitzlinger, N., Grundmeier, A.-M. & Bender, U. (2022). Adaptives Lernen in der Konsumbildung – Förderung von Bewertungskompetenz mit Hilfe des Qualitätskreises für Bekleidung & Accessoires. Haushalt in Bildung und Forschung, 11(2), 83-94.

Kultusministerkonferenz (KMK). (2024). Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 13.06.2024). https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_06_13-BNE-Empfehlung.pdf

Textile Exchange (Ed.). (2024). Materials Market Report. https://textileexchange.org/app/uploads/2024/09/Materials-Market-Report-2024.pdf

 

 

 

 

 

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