Als Psychologin und Wissenschaftlerin arbeitet Monika Martin in der empirischen Bildungsforschung im Bereich der Klimabildung. Wir haben mit ihr über ihren Alltag als Forscherin, die Entwicklung eines Testinstruments für die Klimabildung und die Anwendbarkeit von Forschung in der Schulpraxis gesprochen.
Sie sind Forscherin im Bereich der Klimabildung – wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Ich habe Psychologie an der Universität Freiburg studiert und hatte während meiner Studienzeit die Möglichkeit in einem Forschungsprojekt im Bereich der Lernforschung mitzuarbeiten und in diesem Bereich meine Masterarbeit zu schreiben. Ich hatte Glück, dass kurz danach in der Abteilung eine Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt zu videobasiertem Lernen in der Lehrkräfteausbildung gesucht wurde. Da mir die Masterarbeit Spaß gemacht hat, wollte ich dann gerne noch etwas tiefer in den Forschungsprozess einsteigen.
Und wieso Forschung im Bereich der BNE?
In meinem Studium und der bisherigen Forschung hat das Thema Klimawandel zwar keine Rolle gespielt, aber ich habe mich privat schon länger dafür interessiert. Als dann für ein interdisziplinäres Projekt in der Klimabildung Personen mit pädagogischer Psychologie als Hintergrund gesucht wurden, sah ich darin eine tolle Möglichkeit, mich auch beruflich mit diesem spannenden Themenbereich zu beschäftigen.
Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich aktuell?
In einem größeren Forschungsprojekt beschäftigen wir uns aktuell mit der Frage, welches Wissen und welche Fähigkeiten Menschen benötigen, um Informationen zum Umgang mit dem Klimawandel einordnen, kritisch bewerten und informierte Entscheidungen treffen zu können. Gemeinsam mit verschiedenen Fachdidaktiken haben wir einen umfangreichen Test entwickelt, der diese Fähigkeiten bei Jugendlichen erfassen soll. Unser Ziel ist es, diesen Test für größere nationale Schulleistungsstudien nutzbar zu machen, um regelmäßig den aktuellen Stand der Klimabildung zu erheben und daraus nötige Maßnahmen abzuleiten. Dafür müssen die Testaufgaben einigen strengen Qualitätskriterien genügen. Wir nutzen Daten von insgesamt über 1500 Lernenden in Baden-Württemberg, die diesen Test bereits bearbeitet haben, um die Aufgaben zu überarbeiten.
Neben dem Wissen und den Fähigkeiten interessieren mich aber auch die Einstellungen und Überzeugungen von Jugendlichen zum Klimawandel. Zum Beispiel untersuche ich, wie die Selbstwirksamkeitserwartung in Bezug auf den Klimawandel, also das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können, gesteigert werden kann, da gerade bei Jugendlichen aktuell vor allem Gefühle von Hilflosigkeit und Resignation vorherrschen.
Das klingt nach einer sehr spannenden Arbeit. Wie sieht denn Ihr Alltag als Forscherin aus?
Die Frage nach dem Alltag ist schwer zu beantworten, da die Arbeit sehr vielseitig ist und der „Alltag“ ganz unterschiedlich sein kann. In bestimmten Projektphasen besteht ein großer Teil meiner Arbeit in der Planung und Durchführung von Datenerhebungen, zum Beispiel an Schulen. Aktuell bin ich viel mit der Datenauswertung aus unserer letzten Erhebung beschäftigt und überprüfe die Aufgabenqualität der entwickelten Testaufgaben zu Klimakompetenz. Parallel dazu betreue ich Bachelor- und Masterstudierende bei ihren Abschlussarbeiten und unterstütze sie bei der Planung und Auswertung ihrer Studien. Außerdem gehört zu meinem Alltag auch immer wieder, auf wissenschaftlichen Tagungen Forschungsergebnisse vorzustellen und zu diskutieren und das Schreiben von wissenschaftlichen Publikationen.
Was gibt es für weitere Forschungsfragen, welche Forschende im Bereich Klimabildung beantworten wollen?
Eine grundsätzliche Fragestellung in der Klimabildung besteht in der zuverlässigen Erfassung von Wissen und Fähigkeiten: Was können Lernende in diesem Bereich und wo sind vielleicht auch Defizite? Hier geht es neben Wissen auch um übergreifende Kompetenzen wie z. B. den Umgang mit Informationen zum Klimawandel aus den Medien.
Ganz zentral sind außerdem Wirksamkeitsstudien. Es gibt viele innovative Konzepte, die nachhaltigkeitsbezogenes Wissen und Fähigkeiten fördern wollen wie beispielsweise das Einbinden von Apps im Schulunterricht. Aber halten diese Methoden auch, was sie versprechen oder haben die Lernenden vielleicht zwar Spaß mit einer App, aber lernen möglicherweise weniger als sie es durch die Arbeit mit einem Schulbuchtext getan hätten? Solche Fragestellungen wollen wir in empirischen Studien untersuchen, um anschließend Empfehlungen geben zu können, ob und gegebenenfalls unter welchen Bedingungen welche Methoden besonders geeignet sind, um die Ziele einer Klimabildung zu erreichen.
Was würden Sie sagen – inwiefern sind die Fragen, die Forschende beantworten wollen, für die Schulpraxis von Bedeutung?
In der Lern- und Bildungsforschung wird ein breites Spektrum an Fragestellungen bearbeitet, die mehr oder weniger direkt Einfluss auf die Schulpraxis haben. Während es in der Grundlagenforschung darum geht, sehr kontrolliert einzelne Mechanismen und Prozesse zu erforschen, die beim Lernen eine Rolle spielen, versucht die anwendungsorientierte Forschung diese Ergebnisse konkret nutzbar zu machen und beispielsweise auf die Realität in einem Klassenzimmer zu übertragen. Oft orientieren sich Forschungsfragen aber auch an konkreten Problemen aus der Schulpraxis. In einer unserer Interviewstudien mit Lehrkräften haben wir beispielsweise herausgefunden, dass viele Lehrkräfte gerne besser über die Vorstellungen ihrer Lernenden zum Thema Klimawandel Bescheid wüssten. Daher arbeiten wir gerade daran, einen wissenschaftlich fundierten Online-Fragebogen zur Verfügung zu stellen, mit dem Lehrkräfte unkompliziert einen Einblick bekommen können, welche Vorerfahrungen die Klasse mitbringt.
